Archiv

Posts Tagged ‘Zunft’

Schneidern im Mittelalter (2/13)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 2 – Schneidern im Mittelalter

Verwehrt war den Zeitgenossen des Mittelalters der Zugang zum Bekleidungsgeschäft im Einkaufszentrum. Keine Billiglohnländer, kaum Globalisierung, Stangenware fehlte.

Die Kleidung des typischen Menschen des Mittelalters wurde vorwiegend aus regionalen Rohstoffen mit regionalen Hilfsmitteln in regionaler Arbeit erstellt.

Was selbst gemacht werden konnte, war möglich. Der Import von Stoffen oder Kleidungsstücken oder die Inanspruchnahme von Dienstleistungen zur Kleidungsherstellung war den wenigen Personen höherer Stände vorbehalten.

Im frühen Mittelalter war die Erstellung von Kleidungsstücken meist Heimarbeit der einzelnen Haushalte. Sammeln von Pflanzen für Fasern oder Anbau in der regionalen Gemeinschaft, scheren der Schafe. Vorbereiten des Materials, spinnen,  färben, weben und schneidern in der Winterzeit nach Abschluss der Feldarbeit.

Mehr hierzu später in den Kapiteln zum Material und den Nähtechniken.

Modisch vergleichbar gut hatten es  (zumindest die etwas wohlhabenderen) Anwohner des Mittelmeer-Raums. Dieser Schmelztiegel der Kulturen im Zentrum der bekannten westlichen Welt bot mit seinen Handelsruten in den Fernen Osten und den arabischen Süden und Nahen Osten besten Zugang zu exotischen Tuchen und neuartigen Techniken.

Erst im weiteren Verlauf des Mittelalters entstanden Berufsgruppen (Zünfte), die sich professionell mit der Stoff- und Kleidungsherstellung beschäftigten.

Zeitgleich mit dem Entstehen der gewerbsmäßigen Tuchherstellung entwickelt sich auch das Schneidern als Handwerk, bald darauf in Zünften organisiert – typischerweise durch Männer ausgeführt. Wenn man den Überlieferungen folgt, war der Beruf des Schneiders – von vielen Reglements der Materialbeschaffung und des Auftragsumfangs begrenzt und von „Schwarzarbeitern“ unterboten – weder angesehen noch besonders einträglich. Ganz unfairerweise (finde jedenfalls ich) war der Berufsstand mit vielen Vorurteilen belastet, wurde beispielsweise pauschal des Diebstahls und der Unterschlagung bezichtigt. Hiervon zeugen noch heute Sprüche wie beispielsweise: „Herein, wenn´s kein Schneider ist.“.

Trotz diesen Klischees bildete sich um den Schneider herum eine umfangreiche gewerbliche Struktur. Während dem Schneider das namensgebende Zuschneiden vorbehalten war, halfen Näher bei der Fertigstellung. Frauen übernahmen die Betreuung – das Vermessen und die Anprobe – der weiblichen Kundschaft. Weitestgehend vollständig in Frauenhand war die Herstellung von Wäsche.

Aber auch wenn die Beschaffung hochwertiger Tuche, von Zubehör und selbst von Dienstleistungen zur Herstellung der Kleidung im Laufe der Jahrhunderte komfortabler wurde – über den gesamten Zeitraums des Mittelalters war das Selberschneidern ein typischer Weg zum eigenen Kleidungsstück.


Fortsetzung folgt…

Kategorien:Artikel, Mittelalter Schlagwörter: , ,