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SCHNEIDERN IM MITTELALTER jetzt als eBook erhältlich

Seit heute ist das Buch „SCHNEIDERN IM MITTELALTER: Historisches, Hintergründe und Nähprojekte nach Maß“ als eBook bei Amazon (www.amazon.de/dp/B00JUWX03I) erhältlich.

Inhaltlich überarbeitet und um einige Nähprojekte gegenüber den Blog-Artikeln ergänzt, ist dieses Buch die richtige Lektüre für alle historisch interessierten SelberschneiderInnen.

Der erste Teil des Buches beschreibt die mittelalterliche Herstellung von Kleidung: Materialien, Technik sowie typische Kleidungsstücke – immer auch mit dem Seitenblick auf die heutigen Möglichkeiten hinsichtlich Materialverfügbarkeit, Technik und Zeitgeist.

Der zweite Teil umfasst 8  Nähprojekte, in denen eine Garderobe für die Frau und den Mann (und auch die Kinder) erläutert wird aus den Stücken Cotte, Seitlich offenes Kleid, Gebende, Bruche, Kapuzenhaube, Halbkreismantel und Kugelknopf. Eine Mitra erlaubt auch die vorweihnachtliche Nutzung.

Wer dieses Buch nicht ausschließlich aus allgemeinem Interesse liest, sondern gleich mitschneidern möchte: Ergänzend  stehen die Schnittmuster der Nähprojekte als Set für die Maßschnittmuster-Software PASST! zur Verfügung. Der 10-Euro-Gutschein im Buch als Rabatt auf die Schnittmuster entlastet die Hobby-Kasse.

Schneidern im Mittelalter (12/13): Rückblicke und Ausblicke

23. November 2013 2 Kommentare

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 12 – Rückblicke und Ausblicke

Sie lesen jetzt das letzte „offizielle“ (s.u.) Kapitel dieses Buches  – vielen Dank für Ihr Interesse!

Hat Ihnen die kleine Einführung in das mittelalterliche Schneidern gefallen? Haben Sie sich selbst an einem oder mehreren der Nähprojekte versucht? Zu viel Theorie? Zu viel Praxis? Zu trivial? Zu kompliziert? Oder auch einfach super?

Rückmeldung willkommen! Gerne auch mit einem Foto Ihrer Schöpfungen auf Basis der Buch-Schnittmuster.

Falls Sie neu dazugestoßen sind, nach der Erstveröffentlichung hier im Blog, können Sie alle Kapitel in der Rubrik „Artikel“ dennoch ganz in Ruhe nachlesen und nachschneidern. Die Schnittmuster sind dann zwar nicht mehr kostenlos, aber auf www.passt-online.de zum günstigen Set-Preis als Maßschnittmuster für PASST! erhältlich: HXX1330SETSIM „Set SCHNEIDERN IM MITTELALTER“.

Apropos PASST!: Sollten Sie die Schnittmuster noch in einer Standard-Konfektionsgröße bestellt haben, können Sie jetzt alle unsere Schnittmuster auch nach Ihren persönlichen Maßen ausgeben. Auf der genannten Adresse unsere kostenlose Maßschnittmuster-Software PASST! herunterladen und Ihre Schnittmuster-Lizenzen importieren. Und schon passt! es nicht nur Ihnen, sondern auch Ihrem Partner, Ihren Kindern, Ihren Puppen, Ihrer Theatergruppe…

Außerdem finden Sie auf www.passt-online.de auch viele weitere Schnittmuster.

Dieses Buch hat sich ja speziell mit einigen Modellen des 12. bis 14. Jahrhunderts beschäftigt („Kollektion 1330“). Online finden Sie noch eine „Kollektion 1495“ mit interessanten Modellen des Spätmittelalters sowie eine Reihe von frühmittelalterlichen Stücken („Kollektion 800“).

Und wer das Mittelalter einmal verlassen möchte: Es warten auch authentische, digitalisierte Original-Schnittmuster der letzten 150 Jahre „Retro“ sowie natürlich das Kernprogramm: Basis-Schnittmuster alltäglicher Kleidungsstücke für jeden Anlass in zehntausenden Varianten nach Ihren persönlichen Maßen.

Während des Schreibens und der Veröffentlichung der einzelnen Kapitel sind noch viele Ideen entstanden, viele Anregungen hätten Wert eingearbeitet zu werden. Von Tippfehlern, vanished Satzzeichen und lektorenresistenten Bandwurmformulierungen ganz zu schweigen.

Der Plan der kommenden Wochen ist, dies als Chance aufzunehmen, sich einmal als eBook Autor zu versuchen – alles in einem Guss, ergänzt und verhübscht aufzubereiten. Lockeres Ziel ist die Veröffentlichung im Frühjahr 2014. Das wäre auch Ihre Chance, alles einmal am Stück und am Strand zu lesen. Mehr dazu Anfang kommenden Jahres hier im Blog.

Und hier ist jetzt s.u.:  Es folgt noch das versprochene „Weihnachtskapitel“ – ein bisschen mittelalterliche Info und ein bisschen Schnittmuster rund um das Thema. Zu lesen hier kurz vor Weihnachten.

Viel Spaß beim Selberschneidern!
George

Set SCHNEIDERN IM MITTELALTER
Die Schnittmuster zu den Nähprojekten: Die 5 Schnittmuster zu den Nähprojekten in diesem Buch (COTTE, SEITLICH OFFENES KLEID, GEBENDE, BRUCHE, KAPUZENHAUBE) zum günstigen Set-Preis.
Details…

Schneidern im Mittelalter (11/13): Nähprojekt KAPUZENHAUBE

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 11 – Nähprojekte: KAPUZENHAUBE

Die Kapuzenhaube (auch Gugel, Cucullus genannt) war eine seit dem späten 11. Jahrhundert bis 15. Jahrhundert hinein verbreitete Kopfbedeckung für Männer. Sie unterlag einer stetigen, zunehmend modisch orientierten Weiterentwicklung.

Die generelle Form bestand aus einem die Schultern bedeckenden Cape mit angeschnittener Kapuze. Der hintere Kapuzenteil endete in einem Zipfel (Liripipe), das im Verlauf der Jahrhunderte teilweise bis zur Hüfte hinab hing.

Durch die etwa gleiche Größe des Hals- und Gesichtsausschnittes lies sich die Kapuzenhaube nicht nur in der ursprünglich sinnhaften Form (nämlich als Kapuze) tragen, sondern auch als in der Gesichtsöffnung getragenen Hut. Sehr lange Liripipes wurden dabei dann um die Stirn gewickelt.

Die ursprüngliche, für Arbeit und Reise genutzte Form der Kapuzenmütze diente dem Wetterschutz und der Wärmung des Kopfes. Hierzu wurde dichte Wolle oder auch Leder/Fell verwendet. Für bessere Dichtheit und Tragekomfort konnte die Kapuzenmütze gefüttert sein – später auch gern modisch kontrastfarbig.

Als modische Kopfbedeckung ab dem 14. Jahrhundert war die Kapuzenmütze häufiger auch in anderen, zur übrigen Kleidung passenden Materialien anzutreffen.

Das Schnittmuster Kapuzenhaube

Auf dem Schnittmuster sind neben der typischen Grundform keine weiteren festen Varianten eingezeichnet; die Schnittform ergibt sich ursächlich aus den Kopfmaßen. Anpassungen können aber je nach gewünschtem Einsatzzweck und Trageart leicht selbst frei vorgenommen werden, speziell:

Schulterlänge:  Je nach Material und gewünschter Trageart kann das Cape-Teil kürzer oder länger, schmaler oder breiter ausgeführt werden.

Liripipe:  Als frühe Arbeitsbekleidung eher in der eingezeichneten Länge, kann aber nach persönlichem Belieben verlängert werden (grundsätzlich je später desto länger).

Zur Ausführung eignen sich dichte, etwas festere Materialien – vor allem Wollstoffe / Loden oder auch Leder und Fell.

Das Musterstück ist in Kalbsleder ausgeführt. Bei der Arbeit mit Leder ist es eine Herausforderung, ergibt aber auch im Ergebnis eine Einmaligkeit, die natürlichen Gegebenheiten wie Form oder Stärke des Materials in die Arbeit einzubeziehen. Im Musterstück beispielsweise bildet der natürliche Rand der Haut weitgehend den Saum des Capes; eine Verlängerung der Liripipe ist mit einem Lederriemen angenestelt.

Das Schnittmuster im Download beinhaltet eine bebilderte Schritt-für-Schritt Nähanleitung.

Das Schnittmuster zum Nähprojekt: Das Schnittmuster steht für die Maßschnittmuster-Software PASST! (kostenloser Download auf der Seite www.passt-online.de) und in vielen Standardgrößen zur Verfügung. In den gut 4 Wochen nach der Erstveröffentlichung dieses Blogartikels steht das Schnittmuster durch Eingabe des Gutschein-Codes auf der Bestellseite (dann EINLÖSEN klicken!) kostenlos zum Download bereit; nach dieser Frist gilt der normale Listenpreis.
Mittelalterliche KAPUZENHAUBE
Die Kapuzenhaube bei Männern war vom frühen 13. Jahrhundert bis ins 15. Jahrhundert anzutreffen und in einer stetigen, zunehmend modisch orientierten Weiterentwicklung…
Gutschein-Code: sim11kh (gültig vom 04.11.-08.12.2013)
Details…

Schneidern im Mittelalter (4/13 Nachtrag 2)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 4 Nachtrag 2 – Typische Kleidungsstücke (2)

Kopfbedeckungen

Über das Mittelalter hinweg gab es eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Kopfbedeckungen. Frauen und Männer bedeckten ihr Haupt hierbei ganz unterschiedlich. Hier erwähnt sind einige das gesamte Mittelalter einsetzbare Kopfbedeckungen sowie einige spezielle Modelle einzelner Epochen.

Schleier / Kopftuch

Für Frauen jeden Zeitalters – und so auch des Mittelalters – war und ist der Schleier (durchsichtiges Gewebe) bzw. das Kopftuch (undurchsichtiges Gewebe) eine immer wiederkehrend aktuelle Kopfbedeckung, sei es tagtäglich oder zu besonderen Anlässen.

Die „moderne“ getragene Länge dieses meist runden, ovalen oder rechteckigen Stückes Stoff variierte über das Mittelalter und die Region mehrfach.

Im Byzanz des Frühmittelalters wurde der Schleier oft nur knapp schulterlang getragen, nach dem die aus dem römischen übernommene Palla noch eher eine Ganzkörper-Bekleidung war als nur ein sehr großes Kopftuch.

Über weite Strecken des Mittelalters waren Schleier vor allem für repräsentative Zwecke aus wertvollen Materialien hüft- oder bodenlang, oft sogar mit Schleppe üblich.

Das einfache, geschlungene oder geknotete Kopftuch als alltägliche Kopfbedeckung vor allem bei der Arbeit hat sich über Jahrtausende kaum verändert.

Neben der Nutzung als alleinige Kopfbedeckung wurden Schleier auch oft als Ergänzung verwendet, wie beispielsweise nachfolgend beim Kopfreifen oder beim Hennin zu sehen.

Mütze

Kappe mit Federschmuck

Die zeitlich universelle, in den Grundformen vom frühen Mittelalter bis heute praktisch unveränderte Kopfbedeckung für Männer ist die Mütze.

Sehr oft aus 4 Teilen geschnitten, bildet die Mütze eine rechteckig flache oder auch eine runde, der Kopfform folgende Silhouette.

Die Mütze konnte glatt über den Kopf gezogen, oder – länger geschnitten und noch wärmender – mehrfach am Rand umgekrempelt werden. Teilweise war auch eine Krempe einzeln zugeschnitten und angenäht.

Zur Herstellung eigneten sich dichtere, dickere, aber weiche Materialien wie Wollstoffe, Strickwaren, aber auch oftmals dickeres, aber weiches Leder.

Stirnreifen und -rollen

Bei Frauen über das Mittelalter hinweg waren Stirnreifen und –rollen immer wieder aktuell.

Neben glatten oder verzierten Stirnreifen aus Metall (repräsentativste Ausprägung ist wohl die Krone) waren auch textile Stirnbänder und Rollen aus gepolstertem Stoff verbreitet – allein getragen oder als ergänzendes Element und Befestigung zu Schleiern.

Gebende

Gebende

Das Gebende wird als Projekt zum Selberschneidern in Folge 9/13 ausführlich beschrieben, einschließlich des passenden kostenlosen Schnittmusters.

Eine typische Kopfbedeckung der Frau des ausgehenden 13. Jahrhunderts und beginnenden 14. Jahrhunderts war das Gebende.

Dieser mehrteilige Kopfschmuck bestand aus einem  umlaufenden Kinnriemen (Barbette), der in Scheitelhöhe zusammengesteckt wurde. Rechtwinklig hierzu wurde ein Stirnreifen (Fillet) befestigt.

Ergänzt wurde diese Kopfbedeckung häufig durch ein Haarnetz (Crispinette) oder einen Schleier.

Kapuzenhaube

Kapuzenhaube


Die Kapuzenhaube wird als Projekt zum Selberschneidern in Folge 11/13 ausführlich beschrieben, einschließlich des passenden kostenlosen Schnittmusters.

Die Kapuzenhaube (auch Gugel, Cucullus genannt) ist eine seit dem späten 11. Jahrhundert bis 15. Jahrhundert hinein verbreitete Kopfbedeckung für Männer.

Kennzeichen dieser mittelalterlichen Kapuzenmütze sind die umhangförmige Schulterbedeckung und der mehr oder weniger lange Zipfel am Hinterkopf (Liripipe).

Hennin

Obwohl nur den begrenzten Zeitraum vom späten 14. Jahrhundert bis ins späte 15. Jahrhundert und praktisch nur in Frankreich (und hier speziell im Burgund) anzufinden, wird der Hennin (auch Burgunderhaube genannt) vielfach als die typische mittelalterliche Kopfbedeckung angesehen (speziell bei Mädchen, die sich als Prinzessin verkleiden möchten).

Typisch für den Hennin ist die hohe, spitze Kegelform mit an der Spitze angebrachtem, langen Schleier.

Im Laufe der Zeit haben sich Varianten des Hennin gebildet; oft mit angeschnittenem, verkürztem Kegel wie beim „Black Headdress“.

Black Headdress

Bundhaube / Coif

In der Ritterzeit als Schutzkappe unter dem Helm entstanden, entwickelte sich die Bundhaube (Coif) zu einer verbreiteten, sehr häufig auch auf Darstellungen zu findenden Kopfbedeckung für Männer wie für Frauen im späteren Mittelalter.

Coif / Bundhaube

Sonstige Kleidungsbestandteile

Neben der eigentlichen Bekleidung spielten auch eine Reihe weiterer geschneiderter Bestandteile eine Rolle im mittelalterlichen Leben und hatten wesentlichen Einfluss auf den Gesamteindruck.

Gürtel

Gürtel spielten im Mittelalter eine wohl noch wichtigere Rolle als in heutiger Zeit. Zum einen zur Bändigung und Befestigung der oft weiten Kleidungstücke, zum anderen als Möglichkeit der Befestigung mitzutragender Gebrauchsgegenstände wie Werkzeuge, Geldbörsen, Waffen, …

Einfache Gürtel konnten geknotete Hanfstricke sein. Häufig anzutreffen waren auch Textil- oder – stabiler – Lederriemen, geknotet oder mit Verschlüssen aus Eisen, Bronze oder auch noch wertvolleren Materialien.

Aber bereits im Hochmittelalter folgte der Gürtel auch  modischen Interessen. Schmale, elegant von der Taille im Bogen zur Hüfte hängende, verzierte Ledergürtel präsentierten weibliche Formen; geschwungene, sehr breite Exemplare glichen fast schon mehr einem Korsett als einem Gürtel.

Taschen und Beutel

Taschen zum Transport alltäglicher Gebrauchsgegenstände waren im Mittelalter unverzichtbar.  Teilweise aus festem Textil, meist aber aus Leder gearbeitet und je nach Anlass, Geschmack und Finanzkraft durch Metallbeschläge und/oder textile Zierelemente wie Quasten geschmückt, waren hauptsächlich folgende beiden Typen am Gürtel befestigt vorzufinden:

Gürtel / Beutel

Der Schnürbeutel: ein am oberen Rand durch einen Riemen geraffter und damit geschlossener Beutel. Der Beutel konnte als einfacher, einteiliger Kreis geschnitten sein, oder auch raffinierter mehrteilig in Segmenten oder mit Boden.  Mit dem Riemen konnten kleine Schnürbeutel – oft bekannt als Geldbeutel – am Gürtel befestigt werden. Große Schnürbeutel ließen sich über der Schulter tragen.

Die Gürteltasche: Speziell für die Befestigung am Gürtel konstruiert ist diese in verdeckten Laschen unter dem mit Beschlag oder Riemen verschließbaren Klappe direkt im Gürtel einzufädelnden Tasche. Im Inneren der Tasche konnten weitere Fächer und Befestigungsmöglichkeiten angebracht sein.

Schürzen

Schürze

Zum Schutz der Kleidung oder des Körpers bei der Arbeit ist zumindest seit dem Spätmittelalter die Benutzung von Schürzen belegt – die frühere Verwendung kann vermutet werden.

Darstellungen zeigen speziell bei Frauen in der Taille durch einen Bundgürtel gehaltene, gerade oder geraffte, rechteckige Schürzen. Diese Schürzen waren wohl aus robustem, aber fallendem Material wie Leinen oder Jute.

Männer trugen Schürzen zum Körperschutz bei Tätigkeiten wie beispielsweise Schmieden. Diese Schürzen waren hoch, oft aus Leder und gern auch aus ganzen Häuten.

Fortsetzung folgt…

Schneidern im Mittelalter (4/13)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 4 – Kleidungsformen

Die Formen der Bekleidung änderten sich über den Verlauf des Mittelalters mehrfach und vieles Modische wie Technische entwickelte sich im Laufe dieses Zeitalters entscheidend weiter.

Tunika, um 750

Das frühe Mittelalter war noch sehr an der einfachsten Schnittführung des griechisch / römischen Erbes orientiert. Orientierung an der verfügbaren Stoffbahn, möglichst optimale Materialnutzung. Geometrische, meist gerade Formen ohne Körperbetonung und ohne Passformoptimierung. Die Kleidung wurde mit Spangen und Gürteln am Körper gehalten. Ein typischer Vertreter dieser Zeit ist die Tunika – aus dem Altertum übernommen, im Frühmittelalter als Hauptkleidungsstück für Frauen wie Männer verbreitet, besonders als Unterkleid während des gesamten Mittelalters anzutreffen, und bis heute – meist jedoch schnitttechnisch verfeinert – in jedem Modekatalog vertreten.

Im Laufe des Mittelalters wurden die Kleidungsstücke raffinierter, technisch aufwändiger, vielteiliger. Die Kleidung folgte vermehrt den Körperformen; ermöglicht durch Knöpfe und Schnürungen und durch schnitttechnische Fortschritte wie den geformten Ärmelausschnitt, Rumpfteilungen oder anliegenden Hosenschnitten. „Mode“ konnte in den Kleidungsformen entstehen und ausgedrückt werden. Beobachter besonders aus dem klerikalen Umfeld erkannten schnell die Gefahren des fortschreitenden Sittenverfalls – aus seitlichen Kleider-Öffnungen wurden „Höllenfenster“.

Sideless Gown, um 1300


Zunehmend entwickelten sich durch die neuen Möglichkeiten auch Erscheinungen, die damals von zeitgenössischen Kritikern wie auch rückblickend heute von als „modische Entgleisung“ bezeichnet werden dürfen: Krasse Farbzusammenstellungen, Zipfel überall,  Mützen mit Ohren oder endlosen Schwänzchen, Ärmel in Länge oder Weite zum drüber stolpern, Knöpfe je mehr desto besser… – Wer es sich leisten konnte, vergaß den (damals – knapp vor Bauhaus – noch nicht urkundlich erwähnten) Spruch „Form folgt Funktion“. Obwohl – einige dieser auf den ersten Blick sehr eigenartig wirkenden Kreationen hatten sehr wohl ihren Sinn: Militärisch das Zeichen der Zusammengehörigkeit als erste Form der Uniformierung in Schlachten, gesellschaftlich – wie heute in der Mode doch auch – ebenfalls als Zeichen der Gruppen-Zusammengehörigkeit – der zeitgenössischen Yuppies.

Gegen Ende des Mittelalters hatten viele Kleidungsstücke bereits die grundlegenden Formen und Eigenschaften, wie wir Sie fast unverändert auch in der heutigen Mode vorfinden.

Überhaupt lassen sich viele authentische Modelle mit den aktuellen Möglichkeiten in Material und Technik für heute wortwörtlich absolut tragbar gestalten. Kürzen Sie nur etwas den Saum…

Harsthornbläser, 1476


Aber wieder zurück zu den historischen Kleidungsformen.

Die kurzfristigeren Veränderungen und speziell auch modischen Eskapaden waren in dieser kommunikationsärmeren und weniger schnelllebigen Zeit einer wohlhabenden Minderheit vorbehalten. Der Großteil der Bevölkerung verblieb bei einfachen, materialsparenden Stücken, die nach Möglichkeit noch über die Generationen weitergegeben wurden.

Wir kennen heute sicher nicht einen Bruchteil der genau genutzten Kleidungsformen, die aus den Ideen langer Wintertage damaliger SelberschneiderInnen entstanden. Gerade aus dem früheren Mittelalter sind die Abbildungen „normaler“ Menschen wie auch die archäologischen Fundstücke rar.

Lassen Sie sich also ermutigen, im Rahmen des damals technisch Machbaren Ihr individuelles Kleidungsstück zu erschaffen – nicht unwahrscheinlich Jemand vor 700 Jahren hat es auch bereits so getragen…

Nicht eingegangen werden kann hier im Rahmen der verfügbaren Zeilen und im Sinne des Schwerpunkts Selberschneidern auf die detaillierte Darstellung der wirklich zahlreichen einzelnen historischen Ausprägungen der Kleidungsstücke über den Zeitstrahl der 1000 Jahre des Mittelalters. Hier gibt es aber viele wirklich hervorragende, oft reich bebilderte Werke zur Anregung und zum Lernen. [lasst mich an das Literaturverzeichnis denken…]


Fortsetzung folgt…

Schneidern im Mittelalter (2/13)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 2 – Schneidern im Mittelalter

Verwehrt war den Zeitgenossen des Mittelalters der Zugang zum Bekleidungsgeschäft im Einkaufszentrum. Keine Billiglohnländer, kaum Globalisierung, Stangenware fehlte.

Die Kleidung des typischen Menschen des Mittelalters wurde vorwiegend aus regionalen Rohstoffen mit regionalen Hilfsmitteln in regionaler Arbeit erstellt.

Was selbst gemacht werden konnte, war möglich. Der Import von Stoffen oder Kleidungsstücken oder die Inanspruchnahme von Dienstleistungen zur Kleidungsherstellung war den wenigen Personen höherer Stände vorbehalten.

Im frühen Mittelalter war die Erstellung von Kleidungsstücken meist Heimarbeit der einzelnen Haushalte. Sammeln von Pflanzen für Fasern oder Anbau in der regionalen Gemeinschaft, scheren der Schafe. Vorbereiten des Materials, spinnen,  färben, weben und schneidern in der Winterzeit nach Abschluss der Feldarbeit.

Mehr hierzu später in den Kapiteln zum Material und den Nähtechniken.

Modisch vergleichbar gut hatten es  (zumindest die etwas wohlhabenderen) Anwohner des Mittelmeer-Raums. Dieser Schmelztiegel der Kulturen im Zentrum der bekannten westlichen Welt bot mit seinen Handelsruten in den Fernen Osten und den arabischen Süden und Nahen Osten besten Zugang zu exotischen Tuchen und neuartigen Techniken.

Erst im weiteren Verlauf des Mittelalters entstanden Berufsgruppen (Zünfte), die sich professionell mit der Stoff- und Kleidungsherstellung beschäftigten.

Zeitgleich mit dem Entstehen der gewerbsmäßigen Tuchherstellung entwickelt sich auch das Schneidern als Handwerk, bald darauf in Zünften organisiert – typischerweise durch Männer ausgeführt. Wenn man den Überlieferungen folgt, war der Beruf des Schneiders – von vielen Reglements der Materialbeschaffung und des Auftragsumfangs begrenzt und von „Schwarzarbeitern“ unterboten – weder angesehen noch besonders einträglich. Ganz unfairerweise (finde jedenfalls ich) war der Berufsstand mit vielen Vorurteilen belastet, wurde beispielsweise pauschal des Diebstahls und der Unterschlagung bezichtigt. Hiervon zeugen noch heute Sprüche wie beispielsweise: „Herein, wenn´s kein Schneider ist.“.

Trotz diesen Klischees bildete sich um den Schneider herum eine umfangreiche gewerbliche Struktur. Während dem Schneider das namensgebende Zuschneiden vorbehalten war, halfen Näher bei der Fertigstellung. Frauen übernahmen die Betreuung – das Vermessen und die Anprobe – der weiblichen Kundschaft. Weitestgehend vollständig in Frauenhand war die Herstellung von Wäsche.

Aber auch wenn die Beschaffung hochwertiger Tuche, von Zubehör und selbst von Dienstleistungen zur Herstellung der Kleidung im Laufe der Jahrhunderte komfortabler wurde – über den gesamten Zeitraums des Mittelalters war das Selberschneidern ein typischer Weg zum eigenen Kleidungsstück.


Fortsetzung folgt…

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Schneidern im Mittelalter (Vorwort)

24. Januar 2013 1 Kommentar

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Vorwort und Vorschau

Ab sofort ein besonderes Schmankerl hier im Blog SELBERSCHNEIDERN: Das Buch SCHNEIDERN IM MITTELALTER – komplett und kostenlos zum Lesen und zum Selberschneidern von Mittelalter-Kleidung.

Neben interessanten Hintergründen und der erforderlichen Theorie bilden praktische SelberschneiderInnen-Projekte den Kern des Buches; Ihnen wird eine komplette kleine Kollektion von authentischen  Kleidungsstücken aus dem frühen 14. Jahrhundert zur Verfügung stehen. Und nicht nur das komplette Buch mit allen notwendigen Informationen steht Ihnen kostenlos zum Lesen zur Verfügung – im jeweiligen Zeitraum der Näh-Projekte wird auch das entsprechende Schnittmuster des Kleidungsstücks kostenlos zum Download zur Verfügung stehen.

Falls Sie sich fragen, was den Autor motiviert, das Buch und die Schnittmuster hier für Sie verfügbar zu machen: Seit geraumer Zeit war das Buch SCHNEIDERN IM MITTELALTER als Neuerscheinung für die Leipziger Buchmesse 2013 geplant; in dem wirklich vertrauenswerten Verlag, der auch das Buch PASST! – SELBERSCHNEIDERN NACH MASS des Autors herausgegeben hat. Das Manuskript war fertiggestellt, die Musterstücke genäht, die Fotos geschossen und ausgewählt.

Der Autor ist sehr gerne Autor – nur wie geht es dem gedruckten Buch heute abseits der Roman-Bestseller und der Promi-Autoren? Was bleibt den vielen Menschen – nicht etwa nur dem Autor, sondern LektorIn, LayouterIn, DruckerIn, BinderIn, VerlegerIn und vielen Beteiligten mehr – die engagiert und zeitaufwändig an einer Erstauflage arbeiten, vorinvestieren, bis der laufende Zentimeter im Regal des Buchhändlers gefüllt ist bei einer geplanten Auflage von vielleicht 1200 Stück über 2 Jahre? Und welcher Anteil der zahlreichen Menschen werden erreicht, die das Thema eigentlich interessiert?

Deshalb die Entscheidung des Autors,  einen anderen Weg zu erproben, das Buch allen Mittelalter-affinen SelberschneiderInnen zugänglich zu machen. Nach den Erfahrungen des Probelaufs dieses Blogs in den vergangenen Monaten werden sich bereits nach wenigen Tagen der Veröffentlichung dieses Vorworts mehr LeserInnen über diesen Text eine Meinung gebildet haben als in der gesamten Lebensdauer des geplanten Druckwerkes.

Schade!?

Das Buch SCHNEIDERN IM MITTELALTER wird monatlich kapitelweise hier im Blog SELBERSCHNEIDERN erscheinen, in 13 ganz zufälligerweise auch den Monat und das Jahr der Veröffentlichung anzeigenden Kapiteln. Am besten, Sie abonnieren diesen Blog – dann verpassen Sie kein Kapitel und kein Schnittmuster.

  • 01/13: Einleitung
  • 02/13: Schneidern im Mittelalter
  • 03/13: Schneidern von Mittelalter-Kleidung
  • 04/13: Kleidungsformen im Mittelalter
  • 05/13: Materialien
  • 06/13: Nähtechniken, Handwerkszeug und Zubehör
  • 07/13: Projekt: die Cotte
  • 08/13: Projekt: das seitlich offene Kleid
  • 09/13: Projekt: das Gebende
  • 10/13: Projekt: die Bruche
  • 11/13: Projekt: die Kapuzenmütze
  • 12/13:  Ausblicke
  • W/13: Weihnachtsüberraschung

Viel Spaß beim Lesen und Selberschneidern!

GeorgeLT