Archive

Posts Tagged ‘Leben’

Urlaub & Arbeit

20. Mai 2016 1 Kommentar

Prolog

Gerade ist George zurück von der Urlaubsreise. Schön war es, 14 Tage rund um das Mittelmeer, viele neue Eindrücke, lange in interessante Ferne schauen statt meist auf den nahen Bildschirm.

George wurde angesprochen im Urlaub von einem Mit-Urlauber-Paar, als er recht früh morgens in der leeren Bar am Bug saß an seinem Notebook, eine Mail schreibend: „Sie Armer, wir haben Sie die letzten Tage schon tippen gesehen – lässt Ihr Chef Sie nicht einmal hier im Urlaub in Ruhe mit Arbeit?“.

„Nix Chef, nicht wirklich Arbeit!“ lächelt George und  beginnt zu versuchen für eine intelligentere Antwort erst einmal selbst seine Einstellung zu diesem Thema zu verstehen…

Warum Urlaub und Arbeit und Glück und Freizeit und Liebe und Geld-verdienen integral zusammen gehören, ja in vielen Aspekten kaum zu unterscheiden sind – bemüht formuliert möglichst ohne esoterisches Geschwafel oder Hobby-work-life-balance-Psychologie oder den erhobenen Finger des Lebensberater-Fachbuchs. Die Einsichten von George, deshalb: alle folgenden Ratschläge nicht nur ohne Garantie, sondern sogar ohne nennenswerte Wahrscheinlichkeit der Übertragbarkeit auf andere Personen.

Hintergrund & Entscheidungen

Was ist Urlaub? Was ist Arbeit? Die Grenzen sind verschwommen für George.

Er kann sich erinnern: Damals, einige Jahrzehnte lang als Angestellter im großen Konzern, da war noch alles klar: Arbeit war morgens eine Stunde Autofahrt zum Büro oder mit dem Taxi zum Flughafen, dann typisch 8 bis 10 Stunden fremdbestimmtes Kommunizieren, Denken und Tun, dann nach Hause oder ins Hotel und abends um 22:45 Uhr noch ein Anruf des Chefs wegen unaufschiebbarem – Nichts. Und Urlaub waren 30 Tage eines Kalenderjahres – einzuplanen bis zum 15. Januar. Da konnte man wegfahren, mit schlechtem Gewissen wegen stets unterbesetzter Projekte, unter kontinuierlicher mailmäßiger und Diensthandy-sei-Dank-telefonischer Beatmung von Wer-weiß-wem-Wichtigen.

Aber dann kam die Chance: Eine Kumulierung aus Leidensdruck persönlich unerträglicher Organisation und Vorgesetzter zusammen mit Lockvögeln gewünschten Stellenabbaus. High noon in einer Strategiesitzung. George hob seine Finger (in einer der Phantasie des Lesers überlassenen Reihenfolge) und kündigte.

Nun liebe Kinder: Nicht nachmachen! Was hier als Wahnsinnstat eines Midlife-Krisengeplagten erscheint, bedarf einem Gutstück der Planung, Vorbereitung und passender Rahmenbedingungen:

Erstens: George hat eine tolle Frau. Sie steht stets hinter George, motiviert und unterstützt ihn. Niemals zetert sie, ist keine Bedenkenträgerin und malt am Horizont stets rosa Palmen statt alles verschlingendes Schwarz. Ohne Liebe und einen starken Rückhalt wären viele Entscheidungen für George unmöglich gewesen.

Zweitens: George hat einen Plan. Seit vielen Jahren betrieb er schon ein kleines nebenberufliches Gewerbe, aus einer fixen Idee, einem Hobby entstanden. Eines Tages im vergangenen Jahrtausend meinte der Programmierer in ihm, man müsse doch eigentlich Schnittmuster für Kleidungsstücke am Computer nach den persönlichen Maßen, also passend halt ausgeben können. Interesse bei Kunden war vorhanden, immer glaubte George diese Idee hätte Potential und jetzt kann er es beweisen.

Leben & Glück

Ein Reset in der Lebensmitte birgt viele Chancen. Mit dem Hintergrund gesammelter Erfahrungen und der Konsequenz einiger erforderlicher Entscheidungen kann man neu bewerten und bewusst wählen, was einem wichtig ist und wie man seine noch verfügbare restliche Lebenszeit kurz- mittel- und langfristig verbringen möchte.

George empfiehlt zur zeitlichen Aufteilung: Sei heute glücklich. Sei morgen glücklich. Versuche dieses Jahr glücklich zu sein. Verliere die weitere Zukunft nie aus den Augen, aber bedenke: Pfiffig ist, das verfügbare Glück auszuschöpfen bevor die restliche verfügbare Lebenszeit abgelaufen ist.

Urlaub & Arbeit

Und so kommt es, dass Urlaub und Arbeit für George kein Widerspruch mehr darstellt, keine Konkurrenz, sondern ineinandergreifende Bestandteile eines glücklichen Tages.

An einem Tag in Cannes entsteht nach dem Bummel über die Croisette das Konzept für die Musterstücke weißer leichter baumwollener Peplum-Shirts; und morgens vor Barcelona noch schnell eine Rechnung drucken am Internetterminal und eine Correos suchen für die CD-Lieferungen und schnell dem Kunden per Mail eine Frage beantworten. Oder an einem Seetag auch einmal eine Bibliothek sichten für Responsive Design – weder Problem noch Belastung. Ohne Zeit für Einkommen nicht nur kein Geld für Reisen, sondern auch keine Selbstbestätigung der Richtigkeit eigener Ideen und Vorgehensweisen. Und ohne Zeit für freien Geist und tiefes Wohlbefinden wiederum keine Inspiration für Einkommen.

Epilog

Das nette, aber ganz unnotwendig mitfühlende Mit-Urlauber-Paar ist längst weitergeschlendert, zum Frühstücksbuffet, zum Tender rüber zum Hafen oder – brrr – zum Liegen-reservieren an Deck.

George lehnt sich zurück. Er fühlt sich wohl. Er glaubt es geht ihm gut.