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Schneidern im Mittelalter (8/13): Nähprojekt SEITLICH OFFENES KLEID

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 8 – Nähprojekte: SEITLICH OFFENES KLEID

Die Kleiderform  des seitlich offenen, teilweise in der Öffnung geschnürten, ärmellosen Überkleides war „modern“ und verbreitet im gesamten 14. Jahrhundert, bei der damals üblichen langen Lebensdauer der wertvollen Stücke sicher auch noch weit darüber hinaus angetroffen.

Die Gewänder wurden im Laufe des Mittelalters körpernäher, weibliche Formen durften und sollten erkennbar sein, die möglichen Kombinationen mit Unterkleidern zeigten wachsendes modisches Bewusstsein.

Über der Cotte getragen, wurde die seitliche Öffnung – zu Beginn der Entwicklung vielleicht bis zur Taille und geschnürt, immer tiefer und breiter – was damals zu zunehmender moralischer Entrüstung über diese „Höllenfenster“ führte und heute zu einem hohen Wiedererkennungswert dieses Kleidungsstücks.

Neben dem fast universell mittelalterlich angemessenen Material Leinen bieten sich für dieses elegante Überkleid wertvollere und außergewöhnlichere Materialien als „Hingucker“ an:  Schöne kräftig gefärbte rote oder blaue Wolltuche oder auch Seide dürfen es sein, sofern der Status und das Einkommen der dargestellten historischen  Figur dies zulässt.

Das Kleid kann gefüttert werden. Gern wurden kontrastfarbige Futterstoffe verwendet – auch wenn dies bei diesem Modell den meisten Mitmenschen weitgehend verborgen blieb.

Zur Verzierung können handgewebte Borten oder auch kontrastfarbige Kanteneinfassungen dienen. Auch die Verbrämung der Kanten mit Pelz war häufig anzutreffen.

Im Schnittmuster sind verschiedene Ausführungsvarianten eingezeichnet: Länge, Halsausschnitt und Weite des seitlichen Öffnung können gewählt werden.

Das Musterstück zeigt das Kleid aus Seide bodenlang weit mit Schleppe, einer eher schmalen, geschnürten seitlichen Öffnung und einem Rundausschnitt, der die Cotte als Unterkleid erscheinen lässt. Hals- und Armausschnitt sind gleichfarbig eingefasst – auch für Schlaufen für die Schnürung.

Für den praktischen Einsatz am Mittelalter-Markt mag eine Schleppe eher unpraktisch sein – die Umsetzung ist aber bei einer boden- oder knöchellangen weniger weiten Ausführung identisch.

Eine Schritt-für-Schritt Nähanleitung ist Teil des Schnittmuster-Downloads.

Das Schnittmuster zum Nähprojekt: Das Schnittmuster steht für die Maßschnittmuster-Software PASST! (kostenloser Download auf der Seite www.passt-online.de) und in vielen Standardgrößen zur Verfügung. In den ersten gut 4 Wochen nach der Erstveröffentlichung dieses Blogartikels steht das Schnittmuster durch Eingabe des Gutschein-Codes (dann EINLÖSEN klicken!) kostenlos zum Download bereit; danach gilt der normale Listenpreis.
Mittelalterliches Seitlich offenes Kleid
Mittelalterliches Kleid in verschiedenen Varianten (ca. 1280 – 1400).
Gutschein-Code: sim08sg (gültig vom 16.08.-20.09.2013)
Details…

Schneidern im Mittelalter (4/13)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 4 – Kleidungsformen

Die Formen der Bekleidung änderten sich über den Verlauf des Mittelalters mehrfach und vieles Modische wie Technische entwickelte sich im Laufe dieses Zeitalters entscheidend weiter.

Tunika, um 750

Das frühe Mittelalter war noch sehr an der einfachsten Schnittführung des griechisch / römischen Erbes orientiert. Orientierung an der verfügbaren Stoffbahn, möglichst optimale Materialnutzung. Geometrische, meist gerade Formen ohne Körperbetonung und ohne Passformoptimierung. Die Kleidung wurde mit Spangen und Gürteln am Körper gehalten. Ein typischer Vertreter dieser Zeit ist die Tunika – aus dem Altertum übernommen, im Frühmittelalter als Hauptkleidungsstück für Frauen wie Männer verbreitet, besonders als Unterkleid während des gesamten Mittelalters anzutreffen, und bis heute – meist jedoch schnitttechnisch verfeinert – in jedem Modekatalog vertreten.

Im Laufe des Mittelalters wurden die Kleidungsstücke raffinierter, technisch aufwändiger, vielteiliger. Die Kleidung folgte vermehrt den Körperformen; ermöglicht durch Knöpfe und Schnürungen und durch schnitttechnische Fortschritte wie den geformten Ärmelausschnitt, Rumpfteilungen oder anliegenden Hosenschnitten. „Mode“ konnte in den Kleidungsformen entstehen und ausgedrückt werden. Beobachter besonders aus dem klerikalen Umfeld erkannten schnell die Gefahren des fortschreitenden Sittenverfalls – aus seitlichen Kleider-Öffnungen wurden „Höllenfenster“.

Sideless Gown, um 1300


Zunehmend entwickelten sich durch die neuen Möglichkeiten auch Erscheinungen, die damals von zeitgenössischen Kritikern wie auch rückblickend heute von als „modische Entgleisung“ bezeichnet werden dürfen: Krasse Farbzusammenstellungen, Zipfel überall,  Mützen mit Ohren oder endlosen Schwänzchen, Ärmel in Länge oder Weite zum drüber stolpern, Knöpfe je mehr desto besser… – Wer es sich leisten konnte, vergaß den (damals – knapp vor Bauhaus – noch nicht urkundlich erwähnten) Spruch „Form folgt Funktion“. Obwohl – einige dieser auf den ersten Blick sehr eigenartig wirkenden Kreationen hatten sehr wohl ihren Sinn: Militärisch das Zeichen der Zusammengehörigkeit als erste Form der Uniformierung in Schlachten, gesellschaftlich – wie heute in der Mode doch auch – ebenfalls als Zeichen der Gruppen-Zusammengehörigkeit – der zeitgenössischen Yuppies.

Gegen Ende des Mittelalters hatten viele Kleidungsstücke bereits die grundlegenden Formen und Eigenschaften, wie wir Sie fast unverändert auch in der heutigen Mode vorfinden.

Überhaupt lassen sich viele authentische Modelle mit den aktuellen Möglichkeiten in Material und Technik für heute wortwörtlich absolut tragbar gestalten. Kürzen Sie nur etwas den Saum…

Harsthornbläser, 1476


Aber wieder zurück zu den historischen Kleidungsformen.

Die kurzfristigeren Veränderungen und speziell auch modischen Eskapaden waren in dieser kommunikationsärmeren und weniger schnelllebigen Zeit einer wohlhabenden Minderheit vorbehalten. Der Großteil der Bevölkerung verblieb bei einfachen, materialsparenden Stücken, die nach Möglichkeit noch über die Generationen weitergegeben wurden.

Wir kennen heute sicher nicht einen Bruchteil der genau genutzten Kleidungsformen, die aus den Ideen langer Wintertage damaliger SelberschneiderInnen entstanden. Gerade aus dem früheren Mittelalter sind die Abbildungen „normaler“ Menschen wie auch die archäologischen Fundstücke rar.

Lassen Sie sich also ermutigen, im Rahmen des damals technisch Machbaren Ihr individuelles Kleidungsstück zu erschaffen – nicht unwahrscheinlich Jemand vor 700 Jahren hat es auch bereits so getragen…

Nicht eingegangen werden kann hier im Rahmen der verfügbaren Zeilen und im Sinne des Schwerpunkts Selberschneidern auf die detaillierte Darstellung der wirklich zahlreichen einzelnen historischen Ausprägungen der Kleidungsstücke über den Zeitstrahl der 1000 Jahre des Mittelalters. Hier gibt es aber viele wirklich hervorragende, oft reich bebilderte Werke zur Anregung und zum Lernen. [lasst mich an das Literaturverzeichnis denken…]


Fortsetzung folgt…