Archive

Posts Tagged ‘Cotte’

Schneidern im Mittelalter (7/13): Nähprojekt COTTE

25. Juli 2013 2 Kommentare

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 7 – Nähprojekte: Einleitung und COTTE

Projekte Mittelalter-Kleidung

In den folgenden Kapiteln werden Sie alles Erforderliche erfahren, um einige authentische, verbreitete, nicht zu komplizierte Kleidungsstücke „normaler Menschen“ aus dem Mittelalter selbst herzustellen.

Die 5-teilige Kollektion mit Vorbildern aus dem 13./14. Jahrhundert eignet sich als Grundausstattung für Sie, Ihn und Es.

Die Dame ist mit dem langen Unterkleid (Cotte), dem zeittypischen, seitlich offenen Kleid und dem Gebende  (Barbette/Fillet/Haarnetz oder Schleier) korrekt bekleidet.

Der Mann trägt die kürzere Cotte über dem Beinkleid  (Bruche), den Kopf schützt die Kapuzenmütze, die ganz unterschiedlich getragen werden kann.

Kinder können sich in  Varianten der Cotte, der Bruche und des Kleids wohl fühlen.

Zu den einzelnen Kleidungsstücken folgen kurze Beschreibungen; Näheres zu Material, Zuschnitt und Verarbeitung steht im jeweiligen Schnittmuster. Und das Beste: Damit es für keine(n) SelberschneiderderIn an den Kosten scheitert, stehen die Schnittmuster jeweils für 4 Wochen ab Erstveröffentlichung des jeweiligen Blogartikels zum kostenlosen Download bereit (mehr am Ende des jeweiligen Nähprojekts).

Nähprojekt COTTE

Mittelalterliche Cotte MedievalDie Cotte war ein einfaches, für viele Anlässe und in vielen Kombinationen tragbares Kleidungsstück für Frauen, Männer und Kinder; verbreitet im 12. bis 15. Jahrhundert. Es wurde typischerweise direkt auf der Haut getragen, ohne Verzierungen oder spezielle modische Finessen, entweder als Untergewand unter Kleidern oder Mänteln oder auch als alleinige Oberbekleidung – speziell zu Haus oder bei der Feldarbeit. Als Oberbekleidung konnte die Cotte auch gegürtet getragen werden.

Die Cotte war langärmelig, mit einem Saum,  aber oft auch mit einem Umschlag abgeschlossen. Zur Arbeit oder als einfaches Untergewand war die Cotte mit einem geraden, weiten Ärmel versehen. Als repräsentatives Untergewand konnte der Ärmel aber auch vom Ellenbogen aus eng  anliegen, mit zahlreichen Knöpfen geschlossen.

Die Weite der Cotte und die Schnittführung variierte je nach Einsatz und in der zeitlichen Entwicklung. Erste Schnitte zeigten noch das Erbe der Tunika: das gerade, an der Webbreite der Stoffbahn orientierte Rumpfstück, bei gewünschter Weite mit seitlichen und/oder zentralen Einsätzen bis in Hüfthöhe ergänzt. In späteren Zeiten waren auch körpernahe Linienführungen mit angeschnittener Weite möglich. Zu Bewegungsfreiheit (z.B. beim Reiten) konnte die Cotte vorn und hinten bis in Hüfthöhe geschlitzt sein.

Die Frau trug die Cotte oft als Unterkleid knöchel- oder bodenlang. Material und Farbe können hier wahlweise Kontrast oder Einheit schaffen zum gewählten Oberkleid.

Beim Mann endete der Saum der Cotte eher um das Knie herum, getragen über dem Beinkleid.

Als Material bot sich vor allem Leinen an. Ob grob gewebt naturfarben oder fein, weicher fallend und (pflanzenfarbig) bunt, bleibt der gewünschten Nutzung überlassen. Historisch war die Cotte auch häufig aus Nessel hergestellt, als wertvolles Unterkleid auch aus Seide. Im Vordergrund stand sicher auch angenehmes Tragen auf der Haut, weshalb Wolle vielleicht eher nicht das Material der Wahl für dieses Kleidungsstück war.

Das Schnittmuster zum Nähprojekt: Das Schnittmuster steht für die Maßschnittmuster-Software PASST! (kostenloser Download auf der Seite www.passt-online.de) und in vielen Standardgrößen zur Verfügung.In den ersten 4 Wochen nach der Erstveröffentlichung dieses Blogartikels steht das Schnittmuster durch Eingabe des Gutschein-Codes (dann EINLÖSEN klicken!) kostenlos zum Download bereit; danach gilt der normale Listenpreis.
Mittelalterliche Cotte
Mittelalterliches Gewand Cotte für Frauen, Männer und Kinder in verschiedenen Varianten (ca. 1150 – 1450).
Gutschein-Code: sim07co (gültig vom 25.07.-30.08.2013)
Details…

Schneidern im Mittelalter (4/13 Nachtrag 1)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 4 Nachtrag 1 – Typische Kleidungsstücke (1)

[hat der Autor in seiner (Festplatten-)Schublade doch noch bereits zusammengetragenes Material zu einzelnen typischen mittelalterlichen Kleidungsstücken gefunden.  Was soll es da verrotten – lieber soll es gelesen werden…]

Kleidungsstücke über die Zeit

Schauen wir uns typische Bekleidung des Mittelalters über die einzelnen Zeitabschnitte an. Die genannten Kleidungsstücke bekleiden wortwörtlich flächendeckend das Mittelalter, haben einen hohen Wiedererkennungswert oder sind richtungsweisend für modische Tendenzen bis hinein in die heutige Zeit.

Kleider, Jacken, Mäntel

Die Oberbekleidung des frühen Mittelalters zeigte meistenteils noch keine ausgeprägte geschlechtliche Trennung – sehr ähnlich aussehende Kleidungsstücke wurden von Frauen wie Männern getragen, wenn überhaupt nur durch Details wie die Saumlänge unterschieden.

Erst mit zunehmendem, Figur-betonendem Modebewusstsein im Hochmittelalter entstanden die ersten „eindeutigen“ Frauenkleider, Männerhemden und –jacken.  Selbst dann aber beschreiben die meisten Kleidungsbezeichnungen eher die zeitgenössisch stilistischen Elemente als die Geschlechtszuordnung.

Tunika

Tunika

Die Urform des Kleides war wohl die Tunika. Bereits im Altertum in verschiedenen Kulturen bekannt, wurde die Tunika während des gesamten Mittelalters getragen und ist bis heute noch namensgebend für Kleidungsstücke.

Die ursprüngliche Form der Tunika ist das doppelte „T“: das große „T“ des rechteckigen Rumpfstücks mit den senkrecht angesetzten Ärmeln und das kleine „T“ des auch so genannten Tunika-Ausschnitts, ein flacher Rundausschnitt mit einem vorderen Schlitz.

Der Zuschnitt der Tunika war durch die rechteckigen Schnittteile, gut passend zur Webbreite des Materials, extrem sparsam; die Herstellung durch wenige, gerade Nähte einfach.

Die Tunika wurde von Frauen (meist knöchel- oder bodenlang) wie von Männern (oft knielang) als Unterbekleidung oder/und auch als Oberbekleidung getragen.

Cotte

Cotte

Der Tunika verwandt ist die Cotte, speziell während des gesamten Hochmittelalters häufig als Unterbekleidung oder auch als Arbeitsbekleidung anzutreffen.

Von Frauen wie von Männern getragen, zeichnet sich die Cotte regelmäßig durch lange Ärmel aus, die in Umschlägen enden. Das Rockteil der Cotte ist oft durch dreieckige Einsätze  im rechteckigen Rumpfschnitt erweitert.

Bliaut

Ein typisches repräsentatives Kleidungsstück des 12. Jahrhunderts war der Bliaut. Nach den gerade geschnittenen, „formlosen“ Kleidungsstücken der vorliegenden Epochen erste Wünsche nach Körpernähe.

In Abwandlungen wurde der Bliaut auch von Männern getragen – hier aber die Zeichen setzende Variante für Frauen:

Der Bliaut war ein knöchel- oder bodenlanges Kleid, später auch mit Schleppe getragen. Die beiden besonderen Merkmale des Bliaut waren die ausgeprägte Körperbetonung durch ein ein- oder aufgesetztes Miederteil sowie der damaligen Mode folgende, zur Handöffnung extremst weit ausgestellte, teilweise bis zum Boden reichende Ärmel.

Cyclas

Die Cyclas als Überkleid war im 13. Jahrhundert für Frauen wie für Männer häufig anzutreffen.

Typische Kennzeichen der Cyclas waren: Ärmellosigkeit, ein Schlitz in der vorderen Mitte von Hüfthöhe nach unten bis zum Saum (wohl in der ursprünglichen Männer-Form entstanden aus erforderlicher Bewegungsfreiheit beim Einsatz in Schlachten, besonders auf dem Pferd). Der Saum war häufig vorn kürzer als hinten.

Seitlich offene Kleider

Das Seitlich offene Kleid wird als Projekt zum Selberschneidern in Folge 8/13 ausführlich beschrieben, einschließlich des passenden kostenlosen Schnittmusters.

Seitlich offenes Kleid

Im späten 13. Jahrhundert und weiter im 14. Jahrhundert hat sich die Mode des ärmellosen, seitlich offenen Überkleids bei Frauen verbreitet.

Über der Cotte getragen, wurde die seitliche Öffnung – zu Beginn der Entwicklung vielleicht bis zur Taille und geschnürt, immer tiefer und breiter – was damals zu zunehmender moralischer Entrüstung über diese „Höllenfenster“ führte und heute zu einem hohen Wiedererkennungswert dieses Kleidungsstücks.

Cotehardie

Der Cotehardie ist ein eng anliegendes, vorn durchgehend durch sehr viele Knöpfe geschlossenes Kleidungsstück für Männer (eher kürzer) wie für Frauen (eher länger) des 14. Jahrhunderts.

Ein weiteres Erkennungszeichen des Cotehardie war oft das Tippet, ein Auslaufen des Ärmels ab dem Ellenbogen in einem schmalen, langen Stoffstreifen. Teilweise war das Tippet auch als eigenständiges Stück in Form eines Stoffstreifens oberhalb des Ellenbogens mit einem umlaufenden Band am Arm befestigt.

Houppelande / Tabbert

Die Houppelande (auch Tabbert genannt) war eine üppige, in Falten gelegte Überbekleidung des ausgehenden 14. Jahrhunderts und im 15. Jahrhundert.

Oft war die Houppelande mit Pelz verbrämt und reich verziert, meist mit langen Ärmeln.

Die Houppelande für Frauen mit tiefem, V-förmigen Ausschnitt war bodenlang, oft mit Schleppe, musste beim Laufen angehoben werden.

Die häufig knielange Houppelande für Männer symbolisierte oft die Zugehörigkeit zu bestimmten Zünften und Ständen.

Kleid mit Plastron / Stomacher

Im 15. Jahrhundert modern waren die sowohl vom optischen Eindruck wie von der Schnittführung überaus interessanten Frauen-Kleider mit Plastron / Stomacher (Bruststück).

Das eng anliegende Oberteil war bestimmt durch einen weiten V-förmigen Ausschnitt bis zur Taille. Der Ausschnitt war bedeckt mit einem innenliegenden, festen Einsatz – dem Bruststück. Der weite, halbkreisförmig glockige Rock war an diesem Oberteil an der Taille angesetzt.

Doublet

Doublet

Das Doublet für Männer war in der zweiten Häfte des 15. Jahrhunderts verbreitete Oberbekleidung. An das enge, geknöpfte Oberteil bis zur Taille war ein kurzer Rock bis zur Hüfte angesetzt.

Mit dem Doublet festigt sich die noch heute bestehende überwiegende  Kleiderordnung für Männer: Hose und Hemd, darüber Jacke = Doublet, darüber ggf. weitere wärmende Überbekleidung.

Hemd

Mit zunehmender Verbreitung der einteiligen Beinbekleidung (Hose) bei Männern Ende des 14. Jahrhunderts wurde als Unterbekleidung das kurze, vielleicht hüftlange Hemd benötigt.

Während bei Frauen weiter das lange, auf der Tunika oder Cotte basierende Unterkleid (oft bis heute) überwog, war der Mann mit Hose und (kurzem) Hemd zuerst einmal bekleidet, ergänzt durch Jacken (z.B. Doublet) und Mäntel (z.B. Surcoat).

Surcoat

Der Surcoat – was eigentlich nur „Übermantel“ bedeutet – war ein Sammelbegriff für viele Formen der Überbekleidung des Mittelalters, sowohl für Frauen wie für Männer.

Hier erwähnt werden soll besonders der häufig erwähnte, gut knielange Surcoat für Männer des ausgehenden 15. Jahrhunderts, warm gefüttert und mit den modischen, überlangen Ärmeln mit Schlitz für den Durchgriff.

Kirtle

Kirtle

Im Laufe der Jahrhunderte des Mittelalters wurden die Schnittführungen immer komplexer, den Kleidungsstücken wurde die Möglichkeit gegeben sich homogen den Körperformen anzupassen – Schnitte des späten Mittelalters lassen sich vielfach nicht von den Grundschnitten der heutigen Mode unterscheiden.

Ein Beispiel ist der Kirtle des späten 15. Jahrhunderts, ein anliegendes, elegantes Kleid mit – so heute genannter – Prinzessteilung.

Die zusätzliche Teilung des Schnittes von der Schultermitte über die Brust, Taille, Hüfte und (langem) Saum ermöglicht die gewünscht anliegende Passform am Oberkörper und einen weit ausladenden Rock aus einem Guss.

Umhang

Das universelle oberste, wärmende Kleidungsstück von der Antike über das gesamte Mittelalter und darüber hinaus war der halbkreisförmige Umhang.

Der Radius über die Moden der Zeit und den aktuellen Verwendungszweck von schulterlang bis bodenlang plus Schleppe variierend, mit einem kleinen runden Halsausschnitt versehen und vorn oder über der rechten Schulter verschlossen (mit einer Fibel, einer Nadel oder gebunden), war dieser Umhang jederzeit unverzichtbar.

Beinkleider

Anders als bei den weiter oben beschriebenen Kleidungsstücken waren die Beinkleider im Mittelalter reine Männersache. Unterwäsche aus hygienischen Gründen wurde wohl nicht getragen (obwohl dies aufgrund mangelnder Quellen/Funde nicht sicher belegt ist). Die „Unterhose“ Bruche diente eher Wärmung und Schutz bei den modisch eher kürzeren Überkleidern oder der Befestigung der Beinlinge.

Jede(r) mag über das Ausmaß gewünschter Authentizität selbst entscheiden…

Bruche

Bruche

Die Bruche (auch Brouche, Braies) war als erste Form der Beinbekleidung seit Beginn des Mittelalters zu finden und in dieser Form über den gesamten Zeitraum hinweg anzutreffen.

Dieses sehr einfache und schmucklose Kleidungsstück wurde praktisch immer aus Leinen hergestellt.

Die Länge der Bruche variierte je nach Verwendungszweck; durchaus konnte dieses Kleidungsstück auch unter der Oberbekleidung sichtbar sein oder sogar – z.B. bei der Feldarbeit – allein getragen werden.

Zur Befestigung der Bruche an der Taille diente entweder ein Tunnelbund, oder der (höhere) Taillenbund wurde um einen Gürtel herumgewickelt.

Mit Aufkommen der einzelnen Beinlinge wurde die Bruche verwendet, um die Beinlinge oben zu befestigen.

Beinlinge

Ende des 12. Jahrhunderts kamen erstmals Beinkleider auf, die – auf Sichtbarkeit unter kürzerer Oberbekleidung ausgelegt –  der Beinform folgten und teilweise sehr repräsentativ gearbeitet wurden.

Beide Beine waren getrennt etwa schenkelhoch, die Beinlinge wurden mit Bändern am Gürtel der Bruche befestigt, damit sie nicht rutschten. Teilweise waren Füße gleich mit angeschnitten, als „Strümpfe“ unter Schuhen oder auch als Schuhersatz.

Der Originalbegriff für die Beinlinge ist das mittelhochdeutsche Wort „Hose“, das auch im englischen („Separate Hose“) noch hierfür verwendet, im deutschen aber aus Verwechslungsgründen zur modernen Hose vermieden wird.

Verbundende Beinlinge

Verbundene Beinlinge

Im Laufe der Zeit veränderte – speziell verlängerte – sich der Schnitt der Beinlinge, bis Ende des 14. Jahrhunderts die bisher einzelnen Beine schließlich in der Mitte zusammengenäht wurden („Jointed Hose“) und den Rumpf bis zu einer gewissen Höhe umschlossen.

Gehalten wurden die verbundenden Beinlinge entweder durch Bänder angenestelt an einer Oberbekleidung (z.B. dem Doublet), oder das Kleidungsstück wurde hoch genug geschnitten für einen eigenen Tunnelbund / Gürtel.

Fortsetzung folgt….