Archiv

Archive for the ‘Orte’ Category

Bröhan Museum – Alphonse Mucha

Ausstellung „Mucha Manga Mystery“ im Bröhan Museum, Berlin

Besuch am Samstag, 01.02.2014

Ein sonniger Winter-Samstag, Ende des Frostes und des zumindest hier in Berlin spärlichen Schnees. Zu schön um zu Haus zu hocken. Zu matschig für einen Spaziergang in der Natur.

Letztens vom Bus aus ein Plakat gesehen: „Mucha Manga Mystery“. Grässlich reißerischer Titel, nun – aber eine schöne Graphik und sieht nach Jugendstil-Mode aus und nach neuen Ideen – also googlen.

So habe ich das Bröhan Museum entdeckt, aufgebaut in den 1980ern auf die Privatsammlung des gleichnamigen Gründers, zu finden direkt gegenüber des Schlosses Charlottenburg. Ein „international ausgerichtetes Spezial- und Epochenmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus“ mit den Hauptgebieten Kunsthandwerk und Bildende Kunst.

Viele interessante Stücke zeigt die ständige Ausstellung im Erdgeschoss – besonders würde ich gern einen der fantastischen Schreibtische der Jugendstil/Art Deco-Zeit besitzen (womit ich aber keinesfalls irgendeine Unzufriedenheit über das Design meines großen schwedischen Lieblings-Möbelhauses zum Ausdruck bringen möchte).

Aber nun zum Ersten Stock, dem eigentlichen Grund des Besuches: Dort ist derzeit die Sonderausstellung „Alphonse Muchas wegweisende Grafik“ mit über 100 seiner Werke zu sehen.

Alphonse Mucha wurde am 24.07.1860 in Mähren (im heutigen Tschechien) geboren und wurde in einem vielleicht nicht immer ganz bewusst selbstbestimmten inhaltlichen und räumlichen Lebensweg ein bedeutender Grafiker der Jugendstilzeit, vor allem auch für seine Plakate (Theater, Werbung) bekannt. Er starb 1939 in seinem Heimatland, nachdem er viele Jahre vor allem Werken seiner patriotischen Überzeugung gewidmet hat.

Seine ausgestellten Werke sind absolut sehenswert. Wem die Eleganz des Jugendstils gefällt, die formalen Elemente zur Strukturierung, der perfekt positionierte Mensch, wallend Haare wie Stoffe, immer neu zu entdeckende Details am Rande und im Hintergrund – nicht satt zu sehen. Oft sind neben dem eigentlichen Plakat auch Skizzen und Entwürfe ausgestellt.

Zwar erschienen mir persönlich die beiden anderen Titelworte der Ausstellung „… Manga Mystery“ auch beim zweiten Durchdenken eher etwas an den lockigen Haaren herbeigezogen und auf Besucherfang heischend. Wie dargestellt sind auf Plakaten der 1960er und 70er Jahre Elemente der Mucha-Werke wiederzufinden, und selbst in den japanischen Manga Zeichnungen könnte neben der jahrhundertelangen eigenen fernöstlichen Kultur ein Einfluss dieses Künstlers konstruiert werden.

Empfehlung: Zweifellos ist dieses Museum und speziell diese Ausstellung in Gänze eine Inspiration. Unbedingt baldmöglichst vorbeischauen. Die Mucha Ausstellung läuft bis 30.03.2014, danach ist das Museum bis Mitte Mai 2014 wegen Umbau geschlossen.

nhm – Wien

Naturhistorisches Museum, Wien (NHM)Alljährlicher Advents-Besuch in Wien. Immer erneut absolut empfehlenswert. Die Straßen, die Gebäude, die kleinen intelligent benannten Läden, die Sprache der WienerInnen wie auch die selbstverständliche Offenheit  zu alltäglichem internationalen Sprachenmix. Und nicht zuletzt *schäm* Punsch und Käsekrainer. Existiert eigentlich bereits eine Analyse der Ursachen der offensichtlich seit Jahrhunderten bestehenden besonderen Zuneigung zwischen Berlin und Wien?  Nur die Dezember-Samstage mag man ob der zahllosen Busladungen alle Eindrücke verstellender lärmender Horden eher meiden.

Dieses Jahr einmal wieder ein Besuch im Naturhistorischen Museum NHM. Gleich nach dem Frühstück zur Öffnungszeit um 9 Uhr [spricht der leidgeprüfte Frühaufsteher im Angedenken (nicht nur) in Berlin um diese Zeit noch geschlossener Tore], wenn der winterlich-dunkelblaue Himmel eines sonnigen Morgens und die Ruhe auf dem Weg durch die noch geschlossenen Adventsmarktbuden zwischen den architektonisch traumhaften Museumszwillingen  KHM/NHM wieder einen interessanten Tag verspricht.

Dieser kurze Bericht beleuchtet nur einen Bruchteil der Gründe, unbedingt wieder einmal in das NHM hineinzuschauen. Aber wir sind im selberschneidern-Blog – deshalb jetzt die Selberschneider-Brille aufgesetzt. Ein Blick nach oben in die weihnachtlich geschmückte Kuppel wird ja dabei nicht verboten sein…

Das wohl bekannteste Ausstellungsstück des NHM ist eine Anfang vergangenen Jahrhunderts bei Bauarbeiten nahe Wien gefundene kleine Steinstatue, genannt „Venus von Willendorf“.

Was überlegt da der Selberschneider? Zuerst einmal der Beweis, dass bereits vor 25.000 Jahren knuffig als sexy empfunden wurde. Und wenn da wieder eine (nicht wirklich belegte) Geschichte ungefragt im Hirn zusammenrinnt: Die sehr spärlich bedeckte Dame steht gesenkten Hauptes in der Umkleidekabine des steinzeitlichen H&M; wieder ist der lange ersehnte Fellumhang nicht in der richtigen Größe vorrätig :-(. Gut, wenn man SelberschneiderIn ist – Mammut sei Dank! Nur noch schnell den Partner überreden, die Quelle der wärmenden Umhüllung zu erlegen.

Das letzte Mal war das extrem wertvolle Fundstück in einer abgedunkelten Kammer in einem kleinen tresorartig-panzerverglasten Wandausschnitt ausgestellt – diesmal aufgrund von Bauarbeiten in einem anderen, hellen Raum in einer freistehenden Vitrine. Wenn das mal das Original ist…

Weitere Schaustücke befassen sich direkter mit Kleidung und Textilien.

Gerade aktuell beschäftigt sich eine Sonderausstellung mit dem Aussterben von Arten. Ein Anlass, u.A. über die Verwendung von Fellen und Pelzen nachzudenken. Der Zeitgeist ändert sich – Bilder von Jagdausflügen vor gerade 100 Jahren erscheinen heute mehrheitlich – sagen wir -befremdlich.

Ein Schaukasten zeigt die Gewinnung des Purpur-Farbstoffes aus Schnecken.

Zeit zu gehen. Auch dieses Mal viele neue Sachen entdeckt, Ideen gesammelt,  Details gelesen und gelernt und die Blickachsen der Gänge und Säle nach immer neuen beeindruckenden Aussichten erforscht. Ein schöner halber Tag und genug Potential für wieder einmal.

PS: Den nhm Museumsshop besuchen. Schöne Repliken von Funden archäologischer Schmuckstücke und – wer es mag – wissenschaftlicher Lesestoff zu frühzeitlichen Textilien.

noch´nPS: Wer danach etwas selberschneiderische (fast)Neuzeit braucht: Gleich nebenan die Mariahilfer Strasse zu Fuß ein Viertelstündchen hoch bis Komolka, dem traditionellen und sicher schönsten Stoffgeschäft (nicht nur) Wiens. Wer das Buch PASST! kennt – viele der Fotos sind von dort.

Kategorien:Orte Schlagwörter: , , , , ,

Maria Wörth

Versprochen im Bericht über die Keltenwelt Frog waren ja noch die Eindrücke des Abstechers nach Maria Wörth – wird hier nachgeholt:

Der Besuch des Ensembles historischer sakraler Bauwerke auf der (ehemaligen)  Insel Maria Wörth ist auch ohne unmittelbaren Bezug zum Selberschneidern absolut lohnenswert: Am heißen Sommertag  des 20.07.2013 zwar touristisch ein wenig overcrowded, dennoch der Rundgang in Gelände und Kirche still und voller interessanter Sichten.

Die jetzige Halbinsel am Südufer des Wörthersees kann einfach mit dem Auto (Parkplatz nur wenige 100m von den Sehenswürdigkeiten entfernt) erreicht werden oder auch mit phantastischen Fernsichten per Schiff beispielsweise ab Klagenfurt oder Velden.

Seit im Jahre 287 bereits anlässlich einer Beisetzung zweier Heiliger erwähnt, wurden die Bauwerke kontinuierlich erweitert oder auch wie nach einem Brand Ende des 14. Jahrhunderts teilweise neu gestaltet.

Eines der ältesten erhaltenen Teile ist der Rundkarner von 1279 (Karner = Gebeinhaus), der mitten im die Kirche umgebenden Friedhof liegt.

Friedhof und Kirche liegen auf einem Felsplateau, das durch Moose und Farne bewachsene Stützmauern gesichert ist. Wer diese ruhigen Wege am Fuß des Plateaus entlang spaziert, findet frühe Zeichen pragmatischen Recyclings: Eingearbeitet in der Mauer der Hangbefestigung finden sich Bruchstücke alter Grabsteine…

An und in der Kirche übersteigt dann die Unzahl bemerkenswerter Details und anregender, beeindruckender, festlicher oder gar geheimnisvoller atmosphärischer Stimmungen die Kapazität und das Auflösungsvermögen Auge/Hirn wie Digitalkamera. Schauen und Fühlen Sie unbedingt einmal selbst!

Kategorien:Orte Schlagwörter: ,

Keltenwelt Frög

Frög bei Rosegg in Kärnten; nahe der Westspitze des Wörthersees

Besuch am Sonntag, den 07.07.2013

Handwerkermarkt in der Keltenwelt Frög, wie die regionale Presse bekannt gibt. Grund genug, einmal den Wörthersee vom Urlaubsort bei Klagenfurt aus an einem sonnigen Sonntag entlangzufahren, um dem kleinen Museumsdorf ein Besuch abzustatten.

In Frög wurden eine große Anzahl Hügelgräber aus der Hallstein-Zeit um 700 v. Chr. entdeckt, einige der zahlreichen Fundstücke werden in einem kleinen Museumsraum ausgestellt. Neben den Originalstücken – besonders hervorgehoben werden die besonders naturgetreuen kleinen Figuren aus Blei, Gefäße und viele Schmuckstücke – sind auch andere typische Gegenstände aus der Keltenzeit liebevoll nachgebildet.

Besonders für SelberschneiderInnen interessant sind hierbei das Dutzend komplett bekleidete Figuren aus verschiedenen Lebenssituationen mit gut harmonierender Oberbekleidung, Kopfbedeckungen, Schuhen und Ausrüstungsgegenständen.

Im Zentrum des weitläufigen Außengeländes liegt eines der Hügelgräber, deren Aufbau und Fundstücke durch Glasscheiben zu betrachten sind. Es lohnt sich, die schön angelegten Wege in Ruhe und mit offenen Augen entlangzulaufen – immer wieder angeregt durch Informationstafeln, Schnitzereien im keltischen Stil oder zeitgenössische naturnahe Kunst. Ein weiterer Anziehungspunkt des Geländes ist die Nachbildung einer Stätte für Feuerbestattungen.

Der Handwerkermarkt, der an diesem Wochenende stattfand, war – nun ja – übersichtlich. Eine gute handvoll Händler boten Informationen und Waren vor allem im textilen Bereich und Schmiedewerk.

Ein schönes Ziel für einen kleinen Ausflug für alle, die am Wörthersee unterwegs sind. Und bei der Abreise unbedingt das Südufer des Sees entlangfahren: Viele schöne Ausblicke und die Chance, in Maria Wörth vorbeizuschauen (folgt).

Kategorien:Orte Schlagwörter: , ,

Modemuseum Residenzschloss Ludwigsburg

Besuch am 19.04.2013

Einige Stunden Zeit bis zu einem Termin in Stuttgart – eine gute Gelegenheit für George, das Modemuseum im Anfang des 18. Jahrhunderts errichteten Residenzschloss Ludwigsburg zu besuchen. Schon ein erster kurzer Rundgang über das Schlossgelände zeigt: Hier gibt es viel zu sehen; neben weiteren Museen und der Möglichkeit zur Schlossbesichtigung auch eine schöne Gartenanlage, und die Karte des kleinen Restaurants macht schon auch Appetit – aber heute ist die Zeit begrenzt.

Also schnell eine für Euro 3,50 gefühlt günstige Eintrittskarte erworben und in dem seitlichen Gebäudetrakt den ersten Stock erklommen, Karte entwerten lassen, rechts geht es lang…

Der erste Eindruck war die weitestgehende Abwesenheit von Helligkeit. Aus der von typisch touristenlauten Reisegruppen durchstreiften Mittagstrübe des Außengeländes in diesen einsamen – George war während seiner Anwesenheit der einzige Besucher dieses Museums – langen dunklen Gang eintauchend, schon fast nicht mehr sicher auf dem rechten Weg zu sein. Die großformatigen Gemälde an der Wand, wahrscheinlich eh zeitverrinnend nachgedunkelt, waren schlichtweg unerkennbar.

Aber gelohnt hat es sich. In dem Rundgang über 2 Etagen waren eine große Anzahl von Exponaten mit dem zeitlichen Schwerpunkt 1750 – 1810 mit sehr viel Liebe zum und Einblick vom Detail präsentiert. Neben in vielen derartigen Museen im Mittelpunkt stehenden aufwändigen Damen- und Herrenroben interessierten den Autor vor allem die beiden sonst kaum zu findenden Schwerpunkte Kinderbekleidung und Unterwäsche. Ergänzt wurde die Ausstellung durch eine ungewöhnlich außergewöhnliche, stichpunktartige Ansammlung von Einzelstücken des 19. Jahrhunderts bis heute – neue Ideen und Umsetzungsanregungen bis zum Abwinken.

Nur einmal wurde die absolute Ruhe dieser phantastischen, einsamen, auf Eindrücke und Gedanken fokussierten Museumsatmosphäre gestört: Eine Museumswärterin, wohl ihren Kontrollrundgang schleichend, umrundet die mattschwarz gestrichene Rückwand der Vitrine, steht plötzlich vor dem über die raffinierte Schnittführung eines schwarz-roten Hausanzugs der 20er Jahre grübelnden George und stößt einen spitzen Schrei aus des Erschreckens wohl über die unerwartete Anwesenheit eines lebenden Menschen.

Etwa 2 Stunden hat der Rundgang gedauert, spannend mit vielen neuen Erkenntnissen.

Da der Parkschein das Auto noch einige Minuten zur Anwesenheit berechtigt, ist noch Zeit für einen Rundgang die anderen Schlossflügel entlang.

Abgelegen in einigen Räumen zum Park lässt sich durch die historischen Fenster spähend wunderbare morbide Schönheit entdecken: Hier werden in einem Trakt auf Heilung *aua* und künftige öffentliche Aufmerksamkeit wartende Statuen und architektonische Stilelemente verwahrt, grau-in-grau bis grau-in-beige, teilweise grün bemoost, traumhaft. Vielleicht nächstes Mal mit Stativ und vorab um Einlass bittend…

George muss jetzt aber wirklich im Ausstellungskatalog Hinweise auf die Nichtbeleuchtungsphilosophie im Modemuseum Ludwigsburg suchen – Bug oder Feature?

Besuch absolut empfehlenswert!

Kategorien:Orte Schlagwörter: , , ,

Asparn/Zaya Urgeschichte-Museum

Besuch am 26. August 2012

Eher durch Zufall bei einem meiner Aufenthalte in Wien entdeckt, führt mich der Weg am Sonntag zum Museum für Urgeschichte und dem an diesem Wochenende dort stattfindenden Hunnenfest in das etwa 50km entfernte Asparn an der Zaya.

Der eher als abgelegen zu beschreibende Ort ist gut zu erreichen, die Anfahrt ist durch viele freundlich in die richtige Richtung winkende Helfer hervorragend organisiert.  Etwas leid tun mir nur die anwohnenden Häuslebauer, durch deren Schotterweg sich der Strom der Fahrzeuge zu dem außerhalb liegenden Wiesenparkplatz ergießt.

In dem Hauptgebäude des sehenswerten Renaissance-Schlosses ist auf zwei Etagen das Urgeschichtemuseum untergebracht. Mit dem Schwerpunkt Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit, den Kelten und den Hunnen sind viele Ausgrabungsstücke ausgestellt; unter anderem speziell auch für SelberschneiderInnen interessant wie Reste von Kleidungsstücken oder Werkzeuge wie Bügelscheren. Für Romantiker sehenswert sicher das in Kuschelstellung beerdigte Paar.

Auf dem Freigelände hinter dem Schloss sind gut ein Dutzend Gebäude aus dieser Zeit nach Funden authentisch nachgebaut und durch Alltagsgegenstände liebevoll ergänzt.  Das  im Rohbau befindliche Neolithische Langhaus zeigt beeindruckend die Möglichkeiten der ersten steinzeitlichen Bauern.

Die Händler und Schausteller des Hunnenfestes integrierten sich perfekt in dieses Umfeld. Wilde Reitervorführungen konnten genossen werden wie auch interessante Gespräche über die Entwicklung und speziellen Eigenschaften der Spindeln zur Verarbeitung der Rohwolle zu besonders feinem Garn.  Eine Handvoll mitgebrachter Rohwolle wird bestimmt in einem der nächsten Publikationen eine Rolle spielen. Besonders positiv fiel der hohe Anteil von authentischem Handwerk auf gegenüber den auf Mittelalter-Märkten oft anzutreffenden History-Massenartikeln.

Für den Autoren immer ein Highlight: Der Museums-Shop. Informationen und Hardware zum Brettchen-Weben sowie ein Buch über urgeschichtliche Kleidungsfunde reisten über Wien zurück nach Berlin.

Einschätzung des Autors: SEHR EMPFEHLENSWERT

Mehr Informationen:

www.urgeschichte.at

Kategorien:Orte Schlagwörter: , ,

Bernau Hussitenfest

Hussitenfest in Bernau bei Berlin

Besuche am 05. Juni 2011 und am 09. Juni 2012

Anfang Juni jeden Jahres begeht Bernau bei Berlin seit gut zwei Jahrzehnten das Hussitenfest.

Zurückzuführen ist das Fest auf den Überfall der Hussiten auf Bernau am 23. April 1432. Die Hussiten gingen Anfang des 15. Jahrhunderts aus einem Bürgeraufstand gegen die Drangsalierung durch die katholische Feudalherrschaft in der Gegend von Prag hervor – Namensgeber war der 1415 hingerichtete Prediger Johann Hus.

Die Überzeugungen und Forderungen der Hussiten scheinen aus heutiger Sicht absolut gerechtfertigt: Predigten in der Landessprache, gerechte Verteilung der Arbeitsleistung, Gleichbehandlung vor Gericht. Die Handlungen der verzweifelten Bürger – einige Tausend Waffenfähige, aber auch Alte, Frauen und Kinder, waren dennoch [zeitlos immer wieder überall auf der Welt zu beobachten] grausam, viele Unbeteiligte kamen ums Leben.

Auf einem Eroberungszug zur Durchsetzung ihrer Forderungen hinterließen die Hussiten eine Schneise der Verwüstung in hunderten Ansiedlungen. Über Frankfurt/Oder schlugen sie sich im Frühjahr 1432 westlich bis nach Bernau. Die tapferen BernauerInnen aber schlugen den Angriff auf die Stadtmauern erfolgreich zurück, setzten den fliehenden Hussiten nach und trugen so entscheidend zum endgültigen Rückzug der Angreifer in ihre böhmische Heimat bei.

Jetzt aber zum Ort und zum Fest: Bernau ist absolut einen Besuch wert.

Ein Tipp vorab für die Anreise am Festwochenende von Berlin aus: Die vom Navi empfohlene Ausfahrt ist hoffnungslos überlastet – ein kilometerlanger Stau kann aber durch Umfahrung und Anfahrt von Norden vermieden werden. Der große Parkplatz direkt am Beginn der Fußgängerzone zum Zentrum und zum Festplatz ist perfekt.

Bernau ist eine schöne, alte Stadt mit vielen Sehenswürdigkeiten, auf die ich aber aus Selberschneider-Sicht hier aber nicht weiter eingehen möchte. Am Festwochenende ist ganz Bernau auf Besucher eingestellt: Auf dem Marktplatz und den umliegenden Straßen findet man zahlreiche meist lokale Händler, auch viel Handwerk und Kunstgewerbe,  und diverse Möglichkeiten zur körperlichen Stärkung.

Der Festplatz im Stadtpark gleich außerhalb der Stadtmauer gliedert sich in zwei große, getrennte Bereiche. Der eine Bereich ist ein Rummelplatz mit den typischen Buden und Fahrgeschäften – zumindest mit Kindern sicher eine Runde wert.

Der Autor hat sich zum Bereich des Mittelalter-Marktes gewandt – ein abgezäuntes Areal, zu erreichen nach  Zahlung des [angemessenen] Eintritts von 6 Euro. In dem Bereich haben schätzungsweise 100 Händler ihre Zelte und Stände aufgeschlagen, mit Vielem, was das Mittelalter- und speziell auch Mittelalter-SelberschneiderInnen-Herz begehrt.

Mag auch das phantastische Wetter an meinen Besuchstagen zur Stimmung der offenen Geldbörse beigetragen haben – behalten zumindest Sie Ihr Budget im Auge! Schnell sind einige kunstvoll geschmiedete Fibeln, die gesuchte erste Ausgabe der Miroque und eine sauber verarbeitete, tatsächlich schneidende Bügelschere im Sack. Und noch ein aus Knochen geschnitzter Schutz für meine Nähnadeln aus Bronze und Bein.

Der Blick sollte sich aber außer auf die Auslagen  der Händler auch immer wieder in die Runde wenden. Der gewählte Ort ist für einen Mittelalter-Markt ideal – in sich abgeschlossen, groß genug für Stände und Vorführungen und viele Besucher ohne Gedränge, mit einem Blick immer wieder auf Stadtmauer und Türme.

Vielleicht  sehen wir uns auf dem nächsten Hussitenfest in Bernau bei Berlin.

07. Juni 2013 – 09. Juni 2013

Stadtzentrum und Stadtpark Bernau
16321 Bernau bei Berlin

www.hussitenfest.de


Einschätzung des Autors: SEHR EMPFEHLENSWERT

Kategorien:Mittelalter, Orte Schlagwörter: ,