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Schneidern im Mittelalter (7/13): Nähprojekt COTTE

25. Juli 2013 2 Kommentare

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 7 – Nähprojekte: Einleitung und COTTE

Projekte Mittelalter-Kleidung

In den folgenden Kapiteln werden Sie alles Erforderliche erfahren, um einige authentische, verbreitete, nicht zu komplizierte Kleidungsstücke „normaler Menschen“ aus dem Mittelalter selbst herzustellen.

Die 5-teilige Kollektion mit Vorbildern aus dem 13./14. Jahrhundert eignet sich als Grundausstattung für Sie, Ihn und Es.

Die Dame ist mit dem langen Unterkleid (Cotte), dem zeittypischen, seitlich offenen Kleid und dem Gebende  (Barbette/Fillet/Haarnetz oder Schleier) korrekt bekleidet.

Der Mann trägt die kürzere Cotte über dem Beinkleid  (Bruche), den Kopf schützt die Kapuzenmütze, die ganz unterschiedlich getragen werden kann.

Kinder können sich in  Varianten der Cotte, der Bruche und des Kleids wohl fühlen.

Zu den einzelnen Kleidungsstücken folgen kurze Beschreibungen; Näheres zu Material, Zuschnitt und Verarbeitung steht im jeweiligen Schnittmuster. Und das Beste: Damit es für keine(n) SelberschneiderderIn an den Kosten scheitert, stehen die Schnittmuster jeweils für 4 Wochen ab Erstveröffentlichung des jeweiligen Blogartikels zum kostenlosen Download bereit (mehr am Ende des jeweiligen Nähprojekts).

Nähprojekt COTTE

Mittelalterliche Cotte MedievalDie Cotte war ein einfaches, für viele Anlässe und in vielen Kombinationen tragbares Kleidungsstück für Frauen, Männer und Kinder; verbreitet im 12. bis 15. Jahrhundert. Es wurde typischerweise direkt auf der Haut getragen, ohne Verzierungen oder spezielle modische Finessen, entweder als Untergewand unter Kleidern oder Mänteln oder auch als alleinige Oberbekleidung – speziell zu Haus oder bei der Feldarbeit. Als Oberbekleidung konnte die Cotte auch gegürtet getragen werden.

Die Cotte war langärmelig, mit einem Saum,  aber oft auch mit einem Umschlag abgeschlossen. Zur Arbeit oder als einfaches Untergewand war die Cotte mit einem geraden, weiten Ärmel versehen. Als repräsentatives Untergewand konnte der Ärmel aber auch vom Ellenbogen aus eng  anliegen, mit zahlreichen Knöpfen geschlossen.

Die Weite der Cotte und die Schnittführung variierte je nach Einsatz und in der zeitlichen Entwicklung. Erste Schnitte zeigten noch das Erbe der Tunika: das gerade, an der Webbreite der Stoffbahn orientierte Rumpfstück, bei gewünschter Weite mit seitlichen und/oder zentralen Einsätzen bis in Hüfthöhe ergänzt. In späteren Zeiten waren auch körpernahe Linienführungen mit angeschnittener Weite möglich. Zu Bewegungsfreiheit (z.B. beim Reiten) konnte die Cotte vorn und hinten bis in Hüfthöhe geschlitzt sein.

Die Frau trug die Cotte oft als Unterkleid knöchel- oder bodenlang. Material und Farbe können hier wahlweise Kontrast oder Einheit schaffen zum gewählten Oberkleid.

Beim Mann endete der Saum der Cotte eher um das Knie herum, getragen über dem Beinkleid.

Als Material bot sich vor allem Leinen an. Ob grob gewebt naturfarben oder fein, weicher fallend und (pflanzenfarbig) bunt, bleibt der gewünschten Nutzung überlassen. Historisch war die Cotte auch häufig aus Nessel hergestellt, als wertvolles Unterkleid auch aus Seide. Im Vordergrund stand sicher auch angenehmes Tragen auf der Haut, weshalb Wolle vielleicht eher nicht das Material der Wahl für dieses Kleidungsstück war.

Das Schnittmuster zum Nähprojekt: Das Schnittmuster steht für die Maßschnittmuster-Software PASST! (kostenloser Download auf der Seite www.passt-online.de) und in vielen Standardgrößen zur Verfügung.In den ersten 4 Wochen nach der Erstveröffentlichung dieses Blogartikels steht das Schnittmuster durch Eingabe des Gutschein-Codes (dann EINLÖSEN klicken!) kostenlos zum Download bereit; danach gilt der normale Listenpreis.
Mittelalterliche Cotte
Mittelalterliches Gewand Cotte für Frauen, Männer und Kinder in verschiedenen Varianten (ca. 1150 – 1450).
Gutschein-Code: sim07co (gültig vom 25.07.-30.08.2013)
Details…

Schneidern im Mittelalter (6/13 Teil 2)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 6 Teil 2 – Nähtechniken, Zubehör und Handwerkszeug (2)

Knopf

Auch der Knopf war bereits vor dem Mittelalter bekannt, sowohl aus Naturmaterial (Holz, Horn, Knochen) wie auch gegossen aus Metall. Er wurde als Verschluss immer in geringer Anzahl verwendet – meist als Knebel in Verbindung mit Schlaufen.

Nennenswerte Verbreitung erlangte der Knopf mit Knopfloch als Bekleidungsverschluss erst im Hochmittelalter. Der Knopf ermöglichte dem Körper folgende anliegende Formen, und wie oft bei Neuentdeckungen wurde der Knopf einige Zeit als modischer Selbstzweck zahlreichst verwendet.

Neben Knöpfen aus den oben genannten Materialien fand man dann auch häufig stoffbezogene Kugel-Knöpfe.

Schnürung

Eine sehr verbreitete Form des Verschlusses im Mittelalter war die Schnürung.

Speziell mit aufkommender körpernaher Frauenkleidung war die Schnürung als Verschluss ideal:  durch den dichten, starken Zug der hin- und herlaufenden Schnüre konnte ein Kleid sehr wirkungsvoll der Form der Trägerin angepasst werden.

Die Verschlussschnur kann durch in das Obermaterial eingearbeitete Nestellöcher gezogen oder von aufgenähten Schlaufen oder Haken gehalten werden.

Nadeln und Fingerhüte

Für die Herstellung von Nähten waren Nadeln erforderlich.

Historische Funde belegen Nähnadeln aus verschiedenen Materialien: Oft aus Knochen oder Bronze, aber auch aus Holz oder Horn.

Zum Schutz der Finger beim Nähen gab es bereits früh Nähringe und Fingerhüte.

Scheren

Für den Zuschnitt der Stoffe und des Nähmaterials sind Scheren erforderlich.

Die ursprünglich verbreitete Scherenform war die Bügelschere seit dem Altertum über den gesamten Zeitraum des Mittelalters und darüber hinaus.

Neben der Schere in „Haushaltsgröße“ zum Zuschnitt von Material jeder Art sind auch viele besondere Exemplare erhalten, wie beispielsweise die riesige Samtschere zum Schneiden der Schlaufen, zu sehen im Hamburgmuseum.

Im späteren Mittelalter entwickelte sich die heute bekannte Scharnierschere.

Elle und Messschnüre

Für den Handel und die gewerbliche Verarbeitung von Stoffen zur Kleidungsherstellung ist natürlich  die Mengenbestimmung von großer Bedeutung.

Zur Längenermittlung diente seit alther der Unterarm als Maßstab – die Elle. Sehr früh bereits bildete man diese Länge zur Reproduzierbarkeit auch in Holz oder Metall ab, teilweise mit Untereinheiten.

Für eine praktischere Handhabung vor allem auch im Schneiderhandwerk zur Personenvermessung wurden Messschnüre mit Knoten als Einteilung verwendet.

Allerdings kam es bis zur Neuzeit zu keiner überregional einheitlichen Normierung der Elle über das natürliche Vorbild (halt so ungefähr 50 cm) hinaus, was eine Vergleichbarkeit in Kommunikation und Handel sehr erschwerte.

Fortsetzung folgt…

Schneidern im Mittelalter (6/13 Teil 1)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 6 Teil 1 – Nähtechniken, Zubehör und Handwerkszeug (1)

Nähte

Im Mittelalter gab es natürlich keine Nähmaschine – alle Nähte wurden mit der Hand ausgeführt.

Wer auf eine möglichst authentische Herstellung seiner mittelalterlichen Kleidung Wert legt, kann sich hier über die wichtigsten Handnähte informieren.

Teile zusammennähen

Überwendlich-Stich

Zwei einzelne Stoffteile wurden entweder überlappend zusammengenäht oder rechts auf rechts von der Innenseite genäht, wie es heute zumeist der Fall ist.

Beim überlappenden Zusammennähen werden alle beiden überlappenden Kanten mit dem Überwendlichstich sowohl befestigt wie auch vor Ausfransen gesichert.

Geradstich

Sehr stabil und optisch ansprechend lassen sich Stoffteile rechts auf rechts zusammennähen. Von links wird hierbei entlang der Nahtlinie ein Geradstich gesetzt, der die Stoffteile bei entsprechend kurzer Stichlänge zuverlässig zusammenhält und von außen ein sehr sauberes, gerades Nahtbild erzeugt.

Weitere Stabilität erzielt und gleichzeitig die Stoffränder gegen Ausfransen gesichert werden kann die Naht durch das Umlegen der Nahtzugabe nach einer Seite und Festnähen mit Überwendlichstich.

Sattlerstich

Besonders stabil hält der Sattlerstich das Material zusammen – häufig anzutreffen bei der Verarbeitung von Leder z.B. bei Schuhen. Hierbei werden zwei Nadeln  verwendet.

Säume

Säume schließen offene Stoffteile ab; wie Hals- und Armausschnitte, Ärmel und Röcke / Hosenbeine. Säume verhindern vor allem das Ausfransen des Materials, erzeugen aber auch einen optisch ansprechenden, definierten Abschluss und beeinflussen durch ihre Schwere den Fall des Kleidungsstücks.

Saum überwendlich

Typisch und verbreitet waren im Mittelalter und sind auch noch heute der Umschlagsaum. Der Stoff wird einfach oder doppelt nach innen umgeschlagen und durch eine Naht (Geradstich oder Überwendlichstich) gesichert.

Rollsaum

Eine weitere historisch belegte Art der Säumung ist der Rollsaum. Besonders für feine Materialien geeignet, wird die Stoffkante ganz schmal nach innen eingerollt und überwendlich genäht.

Knopf- und Nestellöcher

Knopflöcher und Nestellöcher (für das Durchziehen von Bändern) wurden mit dem noch heute verwendeten Knopflochstich gearbeitet.

Knopflochstich

Dieser Stich stabilisiert gleichzeitig die Fläche um den Einschnitt und sichert gegen aufreißen oder ausfransen.

Verschlüsse

Mit der Entwicklung der Kleidung ergab sich gleichzeitig auch die Herausforderung, die Kleidungsstücke dicht und unverlierbar am Körper zu halten.

Fibel

Die erste verbreitete Form des Kleidungsverschlusses war die Fibel / Spange, bereits in der Antike bekannt und auch noch über das gesamte Mittelalter hinweg, wenn auch abnehmend, genutzt.

Fibeln gab es je nach Verwendungszweck in unterschiedlichsten Formen, Größen und aus verschiedenen Materialien – oft Eisen oder Bronze, aber auch aus Edelmetallen.

Fibeln

Die große Fibel hielt den offenen Rechteck- oder Halbkreis-Mantel über der rechten Schulter (bei Linkshändern über der linken Schulter?), kleinere Fibeln schlossen vor allem Halsausschnitte.


Fortsetzung folgt…

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Schneidern im Mittelalter (5/13 Teil 3)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 5 Teil 3 – Material (3)

Spinnen und Weben

Die Verarbeitung der pflanzlichen oder tierischen Ausgangsmaterialien zum fertigen Gewebe  entwickelte sich im Laufe des Mittelalters technisch wie organisatorisch entscheidend weiter.

Im frühen Mittelalter war die Tuchherstellung weitgehend Heimarbeit; sowohl für den Eigenbedarf wie teilweise auch als Teil der Abgaben an den Landeigentümer. Die Rohstoffe wurden gewonnen (d.h. gesammelt, angebaut, geschoren, …), vorbereitet, mit einer Handspindel zu einem Faden gesponnen und mit einfachsten Webstühlen gewebt.

Diese Vorgehensweise war auch über das gesamte Mittelalter und darüber hinaus im ländlichen Bereich verbreitet.

Ab dem 13. Jahrhundert waren dann Spinnräder zu finden, und auch die Webstühle entwickelten sich weiter.  Die Produktivität der Stoffherstellung wurde so stark gesteigert, es waren hierfür aber auch Investitionen jenseits der Möglichkeiten eines Einzelhaushalts erforderlich.

Zu diesem technischen Fortschritt entwickelte sich daher eine umfangreiche Gewerbestruktur, bei der jeder Herstellungsschritt von einer speziellen Berufsgruppe übernommen wurde. Regional bildeten sich Zentren mit speziellen Kompetenzen – ausgehend von der führenden Mittelmeer-Region nach Norden.

Farben

Das Einfärben von Geweben im Mittelalter mit den verfügbaren pflanzlichen und tierischen Mitteln   war aufwändig und teilweise sehr kostspielig. Normalerweise wurde das fertige Gewebe komplett gefärbt, für spezielle Anwendungen aber auch der Faden vor dem Weben oder gar das Vlies vor dem Spinnen.

Kräftiges Krapp-, Scharlach-(Schildlaus)- oder gar teures Purpur-(Schnecken-)-Rot, Indigo-(Import-)-Blau oder Safran-Gelb waren beliebt bei allen, die es sich leisten konnten. Speziell das Hochmittelalter war bunt!

Wirklich reines Weiß war kaum zu finden – die Möglichkeit der Bleiche war begrenzt.

Schwarz kam im früheren Mittelalter hauptsächlich im klerikalen Umfeld vor; erst im späten Mittelalter entwickelte sich Schwarz zur Modefarbe.

Schwächere Farben aus lokalen Beeren und Rinden waren auch dem Großteil der Bevölkerung zugänglich; ebenso die Herstellung dunklerer, brauner Farben.

Im ländlichen Bereich waren durch die häusliche Herstellung oft ungefärbte / naturfarbene Gewebe im Einsatz.

Zur Nutzung einzelner Farben als „geschütztes Markenzeichen“ bestimmter Personengruppen gab es unterschiedlichste regionale, wechselnde Reglementierungen.

Dies galt sowohl dem Schutz höhergestellter Stände vor (optischer) Nachahmung, wie auch dem Outing geringgeschätzter Gewerbe und Volksgruppen. So wird beispielsweise oft vor gelben Mittelalter-Kleidern gewarnt, war es doch in einigen Regionen in bestimmten Zeiten Zeichen des Einkommens durch körperliche Zuneigung.

Im militärischen Bereich dienten Farben/Farbkombinationen zunehmend der Identifikation = Uniformierung.

Muster

Muster in Textilien wurden im Mittelalter vorwiegend durch das Verweben unterschiedlicher Garnqualitäten, – farben oder –stärken erzeugt. Die Qualität der Muster hing hierbei entscheidend an der Kontinuität und Feinheit der Fäden. Die Möglichkeiten bei Leinen oder Wolle war hiermit begrenzt.

Für wertvolle Gewänder wurden aber sehr aufwendige Muster gefertigt – gelegentlich unter Verwendung von Silber- oder Goldfäden.

Als günstige Alternative zur Verzierung von Stoffen gab es zwei Möglichkeiten: Sticken von Mustern oder Drucken.

Während das Sticken mit kontrastfarbigen Garnen bereits im Altertum verbreitet war, entwickelte sich der Stoffdruck, meist mit Holzstempeln, erst langsam im Verlauf des Mittelalters.

Borten

Neben der vollflächigen Verzierung der Textilien war während des Mittelalters besonders auch der Besatz der Kleidungskanten mit Borten häufig anzutreffen.

Eine verbreitete Technik war die Herstellung der Borten durch Brettchenweben – hier besonders erwähnt da diese Handarbeit sich gerade aktuell nach langer Vergessenheit wieder stark verbreitet.

Fortsetzung folgt…

Schneidern im Mittelalter (5/13 Teil 2)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 5 Teil 2 – Material (2)

Barchent und andere Mischgewebe

Im 14. Jahrhundert begann in Mitteleuropa die umfangreichere Verarbeitung über das Mittelmeer importierter Baumwollgarne (Schussfaden) mit Leinengarnen (Kettfaden) zu dem Mischgewebe Barchent.

Der hohe Tragekomfort (weicher und leichter als reiner Leinen und angenehmer auf der Haut als Wolle) führte zu weiter Verbreitung.

Ähnlich wie Nesselstoff ist authentisches Barchent heute kaum mehr zu bekommen; der Name wird vielfach auch für andere Materialien verwendet. Vereinzelt werden versponnene Baumwoll-/Leinengewebe angeboten und – vor allem in der Trachtenmode – verarbeitet.

Neben der Veredelung des oft steifen Leinens durch Baumwolle waren auch andere Garnmischungen anzutreffen wie beispielsweise Leinen und Wolle, wo sich Stabilität und wärmende Wirkung gut ergänzen.

Seide

Die Gewinnung und Verarbeitung von Seide ist in China seit etwa 5000 Jahren bekannt.  Im Verlauf des Mittelalters wurde dieses Material zuerst durch Import auch in Europa bekannt. Über Byzanz verbreitete sich sowohl die Zucht des Seidenspinners rund um das Mittelmeer wie auch die Technik der Herstellung von luxuriösen Seidenstoffen – vor allem in Italien (führend z.B. Venedig).

Durch den aufwändigen Herstellungsprozess und die langen Importwege war Seide während des gesamten Mittelalters nur sehr wohlhabenden Personen vorbehalten.

Samt

Im Mittelmeerraum verbreitete sich während des 13. Jahrhunderts die Technik der Samtherstellung durch arabischen Einfluss von Osten zuerst nach Italien und nach Spanien, später nach Frankreich.

Samt – meist aus Seide, seltener und später auch aus Baumwolle – war sehr wertvoll.

 

Strickwaren

Für die Herstellung von Strickwaren / Maschenwaren  („Textile Flächen aus ineinandergreifenden Fadenschlaufen“) gab es im Mittelalter verschiedene sich von Anfängen immer stärker entwickelnde und verbreitende Techniken bis hin zur gewerblichen Herstellung.

 

Leder und Felle, Pelz

Tierfelle waren die wohl erste Bekleidung des Menschen. Über die gesamte Geschichte hinweg spielte die Verarbeitung von Fellen / Pelz und Leder in der Kleidungsherstellung eine wesentliche Rolle.

Im Laufe des Mittelalters wurde die verbrauchsnahe Gewinnung dieser Materialien durch Jagd (Hirsche, Wölfe, Füchse, Bären; aber auch Biber, Marder, Hasen, Eichhörnchen (Feh)) oder häusliche Tierhaltung (Schafe, Ziegen, Kälber, Fohlen, Kaninchen) zunehmend durch gewerbliche Gerbereien ergänzt.

Als schützendes und wärmendes Material waren Felle und Leder über das gesamte Mittelalter verbreitet. Phasenweise war auch die Verarbeitung teurer, speziell gezüchteter, auch importierter Pelze (Hermelin, Zobel, afrikanische Raubkatzen) beliebt. Noch heute sieht man bei manch offizieller  Aktivität in europäischen Königshäusern vererbte Hermelin-Umhänge.

Fortsetzung folgt…

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Schneidern im Mittelalter (5/13 Teil 1)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 5 Teil 1 – Material (1)

Wesentlichen Einfluss auf die Authentizität eines heute hergestellten mittelalterlichen Kleidungsstückes haben die verwendeten Materialien. Deshalb hier und in den kommenden beiden Teilen eine Übersicht der verfügbaren mittelalterlichen Grundstoffe für Ihr Kleidungsstück.

Leinen

Leinen, hergestellt aus den Fasern des Flachs, ist das typische Material der Mittelalter-Kleidung. Bereits seit Jahrtausenden  bekannt und verbreitet, war es wohl in weiten regionalen Bereichen über den gesamten Zeitraum der verbreitetste aus Pflanzen gewonnene textile Rohstoff.

Speziell für Unterbekleidung wurde und wird Leinen gern verwendet, da er sehr angenehm direkt auf der Haut zu tragen ist – im Gegensatz zur Alternative Wolle.

Leinen als Material hat auch heute noch Bedeutung – speziell die zunehmende Orientierung zu naturverbundenerer, nachhaltiger Lebensweise hat Platz geschaffen für kleine Naturstoffläden wie größere Internet-Versender, die  Leinen recht „authentisch“, das meint möglichst industriefern gesponnen, gewebt und gefärbt, anbietet.

Leinen-Kleidung wird Ihnen auf Mittelalter-Veranstaltungen mit Abstand am häufigsten begegnen.

Wolle

Wolle ist neben Leinen das zweite über das gesamte Mittelalter sehr verbreitete Material für Kleidungsstücke, speziell für Oberbekleidung.

Bereits im Altertum wurden Schafe zur Wollerzeugung gehalten. Scheren, spinnen, weben und bleichen/färben gehört zu den sehr verbreiteten alten Techniken und konnte auch in den Familien ohne den Einsatz von fremder Leistung durchgeführt werden.

Neben der Wolle von Schafen wurden auch die Haare anderer heimischer Tiere verarbeitet, wie etwa Ziegen oder Kaninchen. Als Import waren – teuer und rar – Wollstoffe asiatischer und afrikanischer Tierarten verfügbar.

Der Handel mit Wolle und die Herstellung von Wollstoffen wurde bereits im frühen Mittelalter zunehmend gewerblich durchgeführt. Wer spannend ein wenig über den Zeitgeist des 12. Jahrhunderts – speziell auch rund um Wollhandel und Wollverarbeitung – lesen möchte, dem sei die Figur der Aliena in Ken Follet’s Roman „Die Säulen der Erde“ empfohlen.

Durch die spezielle, auch bereits im Mittelalter verbreitete Veredlung von Wollstoffen durch Verfilzung des gewebten Tuches entsteht Loden.

Hanf

Hanf ist einer der ältesten pflanzlichen textilen Rohstoffe und wurde auch während des gesamten Mittelalters gezielt angebaut.

Die Robustheit der Fasern führte hauptsächlich zur Nutzung als Seil-, Sack- oder Segelmaterial. Hanfseile wurden als Gürtel verwendet. Aber auch eine Anzahl von Kleidungsstücken aus Hanfstoffen ist überliefert.

Nessel

Gemeint ist der Stoff aus den Fasern der Brennnessel – nicht der heute häufig so genannte Baumwoll-„Nessel“.

Die Verarbeitung wild gesammelter oder auch angebauter Brennnesseln zu Textilien war während des Mittelalters sehr verbreitet, da alle erforderlichen Grundstoffe und Techniken in der Familie verfügbar waren. Erhaltene Zeichen dafür sind z.B. das Märchen „Die sieben Raben“ der Gebrüder Grimm oder der Einzug des Nesselblattes (sagen zumindest viele) in Holsteiner Wappen.

Heute sind Stoffe aus Brennnessel schwer zu bekommen. Vereinzelt bieten Versandhändler Naturstoffe aus asiatischen Nesselarten an.

Baumwolle

Auch die Baumwolle war bereits in der Antike bekannt und gelangte aus Indien und Nordafrika im frühen Mittelalter als wertvolles Importmaterial nach Europa.

Die Verbreitung von Baumwollgewebe war aber im europäischen Mittelalter gering; die Verwendung wird in der Szene verbreitet mit Naserümpfen kommentiert – obwohl – schauen Sie sich auf den Mittelaltermärkten die von HändlerInnen feilgebotenen Gewänder einmal genauer an…

Erste Bedeutung erlangte die Baumwolle im Hochmittelalter als Mischgewebe.

Fortsetzung folgt…

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Schneidern im Mittelalter (4/13 Nachtrag 2)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 4 Nachtrag 2 – Typische Kleidungsstücke (2)

Kopfbedeckungen

Über das Mittelalter hinweg gab es eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Kopfbedeckungen. Frauen und Männer bedeckten ihr Haupt hierbei ganz unterschiedlich. Hier erwähnt sind einige das gesamte Mittelalter einsetzbare Kopfbedeckungen sowie einige spezielle Modelle einzelner Epochen.

Schleier / Kopftuch

Für Frauen jeden Zeitalters – und so auch des Mittelalters – war und ist der Schleier (durchsichtiges Gewebe) bzw. das Kopftuch (undurchsichtiges Gewebe) eine immer wiederkehrend aktuelle Kopfbedeckung, sei es tagtäglich oder zu besonderen Anlässen.

Die „moderne“ getragene Länge dieses meist runden, ovalen oder rechteckigen Stückes Stoff variierte über das Mittelalter und die Region mehrfach.

Im Byzanz des Frühmittelalters wurde der Schleier oft nur knapp schulterlang getragen, nach dem die aus dem römischen übernommene Palla noch eher eine Ganzkörper-Bekleidung war als nur ein sehr großes Kopftuch.

Über weite Strecken des Mittelalters waren Schleier vor allem für repräsentative Zwecke aus wertvollen Materialien hüft- oder bodenlang, oft sogar mit Schleppe üblich.

Das einfache, geschlungene oder geknotete Kopftuch als alltägliche Kopfbedeckung vor allem bei der Arbeit hat sich über Jahrtausende kaum verändert.

Neben der Nutzung als alleinige Kopfbedeckung wurden Schleier auch oft als Ergänzung verwendet, wie beispielsweise nachfolgend beim Kopfreifen oder beim Hennin zu sehen.

Mütze

Kappe mit Federschmuck

Die zeitlich universelle, in den Grundformen vom frühen Mittelalter bis heute praktisch unveränderte Kopfbedeckung für Männer ist die Mütze.

Sehr oft aus 4 Teilen geschnitten, bildet die Mütze eine rechteckig flache oder auch eine runde, der Kopfform folgende Silhouette.

Die Mütze konnte glatt über den Kopf gezogen, oder – länger geschnitten und noch wärmender – mehrfach am Rand umgekrempelt werden. Teilweise war auch eine Krempe einzeln zugeschnitten und angenäht.

Zur Herstellung eigneten sich dichtere, dickere, aber weiche Materialien wie Wollstoffe, Strickwaren, aber auch oftmals dickeres, aber weiches Leder.

Stirnreifen und -rollen

Bei Frauen über das Mittelalter hinweg waren Stirnreifen und –rollen immer wieder aktuell.

Neben glatten oder verzierten Stirnreifen aus Metall (repräsentativste Ausprägung ist wohl die Krone) waren auch textile Stirnbänder und Rollen aus gepolstertem Stoff verbreitet – allein getragen oder als ergänzendes Element und Befestigung zu Schleiern.

Gebende

Gebende

Das Gebende wird als Projekt zum Selberschneidern in Folge 9/13 ausführlich beschrieben, einschließlich des passenden kostenlosen Schnittmusters.

Eine typische Kopfbedeckung der Frau des ausgehenden 13. Jahrhunderts und beginnenden 14. Jahrhunderts war das Gebende.

Dieser mehrteilige Kopfschmuck bestand aus einem  umlaufenden Kinnriemen (Barbette), der in Scheitelhöhe zusammengesteckt wurde. Rechtwinklig hierzu wurde ein Stirnreifen (Fillet) befestigt.

Ergänzt wurde diese Kopfbedeckung häufig durch ein Haarnetz (Crispinette) oder einen Schleier.

Kapuzenhaube

Kapuzenhaube


Die Kapuzenhaube wird als Projekt zum Selberschneidern in Folge 11/13 ausführlich beschrieben, einschließlich des passenden kostenlosen Schnittmusters.

Die Kapuzenhaube (auch Gugel, Cucullus genannt) ist eine seit dem späten 11. Jahrhundert bis 15. Jahrhundert hinein verbreitete Kopfbedeckung für Männer.

Kennzeichen dieser mittelalterlichen Kapuzenmütze sind die umhangförmige Schulterbedeckung und der mehr oder weniger lange Zipfel am Hinterkopf (Liripipe).

Hennin

Obwohl nur den begrenzten Zeitraum vom späten 14. Jahrhundert bis ins späte 15. Jahrhundert und praktisch nur in Frankreich (und hier speziell im Burgund) anzufinden, wird der Hennin (auch Burgunderhaube genannt) vielfach als die typische mittelalterliche Kopfbedeckung angesehen (speziell bei Mädchen, die sich als Prinzessin verkleiden möchten).

Typisch für den Hennin ist die hohe, spitze Kegelform mit an der Spitze angebrachtem, langen Schleier.

Im Laufe der Zeit haben sich Varianten des Hennin gebildet; oft mit angeschnittenem, verkürztem Kegel wie beim „Black Headdress“.

Black Headdress

Bundhaube / Coif

In der Ritterzeit als Schutzkappe unter dem Helm entstanden, entwickelte sich die Bundhaube (Coif) zu einer verbreiteten, sehr häufig auch auf Darstellungen zu findenden Kopfbedeckung für Männer wie für Frauen im späteren Mittelalter.

Coif / Bundhaube

Sonstige Kleidungsbestandteile

Neben der eigentlichen Bekleidung spielten auch eine Reihe weiterer geschneiderter Bestandteile eine Rolle im mittelalterlichen Leben und hatten wesentlichen Einfluss auf den Gesamteindruck.

Gürtel

Gürtel spielten im Mittelalter eine wohl noch wichtigere Rolle als in heutiger Zeit. Zum einen zur Bändigung und Befestigung der oft weiten Kleidungstücke, zum anderen als Möglichkeit der Befestigung mitzutragender Gebrauchsgegenstände wie Werkzeuge, Geldbörsen, Waffen, …

Einfache Gürtel konnten geknotete Hanfstricke sein. Häufig anzutreffen waren auch Textil- oder – stabiler – Lederriemen, geknotet oder mit Verschlüssen aus Eisen, Bronze oder auch noch wertvolleren Materialien.

Aber bereits im Hochmittelalter folgte der Gürtel auch  modischen Interessen. Schmale, elegant von der Taille im Bogen zur Hüfte hängende, verzierte Ledergürtel präsentierten weibliche Formen; geschwungene, sehr breite Exemplare glichen fast schon mehr einem Korsett als einem Gürtel.

Taschen und Beutel

Taschen zum Transport alltäglicher Gebrauchsgegenstände waren im Mittelalter unverzichtbar.  Teilweise aus festem Textil, meist aber aus Leder gearbeitet und je nach Anlass, Geschmack und Finanzkraft durch Metallbeschläge und/oder textile Zierelemente wie Quasten geschmückt, waren hauptsächlich folgende beiden Typen am Gürtel befestigt vorzufinden:

Gürtel / Beutel

Der Schnürbeutel: ein am oberen Rand durch einen Riemen geraffter und damit geschlossener Beutel. Der Beutel konnte als einfacher, einteiliger Kreis geschnitten sein, oder auch raffinierter mehrteilig in Segmenten oder mit Boden.  Mit dem Riemen konnten kleine Schnürbeutel – oft bekannt als Geldbeutel – am Gürtel befestigt werden. Große Schnürbeutel ließen sich über der Schulter tragen.

Die Gürteltasche: Speziell für die Befestigung am Gürtel konstruiert ist diese in verdeckten Laschen unter dem mit Beschlag oder Riemen verschließbaren Klappe direkt im Gürtel einzufädelnden Tasche. Im Inneren der Tasche konnten weitere Fächer und Befestigungsmöglichkeiten angebracht sein.

Schürzen

Schürze

Zum Schutz der Kleidung oder des Körpers bei der Arbeit ist zumindest seit dem Spätmittelalter die Benutzung von Schürzen belegt – die frühere Verwendung kann vermutet werden.

Darstellungen zeigen speziell bei Frauen in der Taille durch einen Bundgürtel gehaltene, gerade oder geraffte, rechteckige Schürzen. Diese Schürzen waren wohl aus robustem, aber fallendem Material wie Leinen oder Jute.

Männer trugen Schürzen zum Körperschutz bei Tätigkeiten wie beispielsweise Schmieden. Diese Schürzen waren hoch, oft aus Leder und gern auch aus ganzen Häuten.

Fortsetzung folgt…

Schneidern im Mittelalter (4/13 Nachtrag 1)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 4 Nachtrag 1 – Typische Kleidungsstücke (1)

[hat der Autor in seiner (Festplatten-)Schublade doch noch bereits zusammengetragenes Material zu einzelnen typischen mittelalterlichen Kleidungsstücken gefunden.  Was soll es da verrotten – lieber soll es gelesen werden…]

Kleidungsstücke über die Zeit

Schauen wir uns typische Bekleidung des Mittelalters über die einzelnen Zeitabschnitte an. Die genannten Kleidungsstücke bekleiden wortwörtlich flächendeckend das Mittelalter, haben einen hohen Wiedererkennungswert oder sind richtungsweisend für modische Tendenzen bis hinein in die heutige Zeit.

Kleider, Jacken, Mäntel

Die Oberbekleidung des frühen Mittelalters zeigte meistenteils noch keine ausgeprägte geschlechtliche Trennung – sehr ähnlich aussehende Kleidungsstücke wurden von Frauen wie Männern getragen, wenn überhaupt nur durch Details wie die Saumlänge unterschieden.

Erst mit zunehmendem, Figur-betonendem Modebewusstsein im Hochmittelalter entstanden die ersten „eindeutigen“ Frauenkleider, Männerhemden und –jacken.  Selbst dann aber beschreiben die meisten Kleidungsbezeichnungen eher die zeitgenössisch stilistischen Elemente als die Geschlechtszuordnung.

Tunika

Tunika

Die Urform des Kleides war wohl die Tunika. Bereits im Altertum in verschiedenen Kulturen bekannt, wurde die Tunika während des gesamten Mittelalters getragen und ist bis heute noch namensgebend für Kleidungsstücke.

Die ursprüngliche Form der Tunika ist das doppelte „T“: das große „T“ des rechteckigen Rumpfstücks mit den senkrecht angesetzten Ärmeln und das kleine „T“ des auch so genannten Tunika-Ausschnitts, ein flacher Rundausschnitt mit einem vorderen Schlitz.

Der Zuschnitt der Tunika war durch die rechteckigen Schnittteile, gut passend zur Webbreite des Materials, extrem sparsam; die Herstellung durch wenige, gerade Nähte einfach.

Die Tunika wurde von Frauen (meist knöchel- oder bodenlang) wie von Männern (oft knielang) als Unterbekleidung oder/und auch als Oberbekleidung getragen.

Cotte

Cotte

Der Tunika verwandt ist die Cotte, speziell während des gesamten Hochmittelalters häufig als Unterbekleidung oder auch als Arbeitsbekleidung anzutreffen.

Von Frauen wie von Männern getragen, zeichnet sich die Cotte regelmäßig durch lange Ärmel aus, die in Umschlägen enden. Das Rockteil der Cotte ist oft durch dreieckige Einsätze  im rechteckigen Rumpfschnitt erweitert.

Bliaut

Ein typisches repräsentatives Kleidungsstück des 12. Jahrhunderts war der Bliaut. Nach den gerade geschnittenen, „formlosen“ Kleidungsstücken der vorliegenden Epochen erste Wünsche nach Körpernähe.

In Abwandlungen wurde der Bliaut auch von Männern getragen – hier aber die Zeichen setzende Variante für Frauen:

Der Bliaut war ein knöchel- oder bodenlanges Kleid, später auch mit Schleppe getragen. Die beiden besonderen Merkmale des Bliaut waren die ausgeprägte Körperbetonung durch ein ein- oder aufgesetztes Miederteil sowie der damaligen Mode folgende, zur Handöffnung extremst weit ausgestellte, teilweise bis zum Boden reichende Ärmel.

Cyclas

Die Cyclas als Überkleid war im 13. Jahrhundert für Frauen wie für Männer häufig anzutreffen.

Typische Kennzeichen der Cyclas waren: Ärmellosigkeit, ein Schlitz in der vorderen Mitte von Hüfthöhe nach unten bis zum Saum (wohl in der ursprünglichen Männer-Form entstanden aus erforderlicher Bewegungsfreiheit beim Einsatz in Schlachten, besonders auf dem Pferd). Der Saum war häufig vorn kürzer als hinten.

Seitlich offene Kleider

Das Seitlich offene Kleid wird als Projekt zum Selberschneidern in Folge 8/13 ausführlich beschrieben, einschließlich des passenden kostenlosen Schnittmusters.

Seitlich offenes Kleid

Im späten 13. Jahrhundert und weiter im 14. Jahrhundert hat sich die Mode des ärmellosen, seitlich offenen Überkleids bei Frauen verbreitet.

Über der Cotte getragen, wurde die seitliche Öffnung – zu Beginn der Entwicklung vielleicht bis zur Taille und geschnürt, immer tiefer und breiter – was damals zu zunehmender moralischer Entrüstung über diese „Höllenfenster“ führte und heute zu einem hohen Wiedererkennungswert dieses Kleidungsstücks.

Cotehardie

Der Cotehardie ist ein eng anliegendes, vorn durchgehend durch sehr viele Knöpfe geschlossenes Kleidungsstück für Männer (eher kürzer) wie für Frauen (eher länger) des 14. Jahrhunderts.

Ein weiteres Erkennungszeichen des Cotehardie war oft das Tippet, ein Auslaufen des Ärmels ab dem Ellenbogen in einem schmalen, langen Stoffstreifen. Teilweise war das Tippet auch als eigenständiges Stück in Form eines Stoffstreifens oberhalb des Ellenbogens mit einem umlaufenden Band am Arm befestigt.

Houppelande / Tabbert

Die Houppelande (auch Tabbert genannt) war eine üppige, in Falten gelegte Überbekleidung des ausgehenden 14. Jahrhunderts und im 15. Jahrhundert.

Oft war die Houppelande mit Pelz verbrämt und reich verziert, meist mit langen Ärmeln.

Die Houppelande für Frauen mit tiefem, V-förmigen Ausschnitt war bodenlang, oft mit Schleppe, musste beim Laufen angehoben werden.

Die häufig knielange Houppelande für Männer symbolisierte oft die Zugehörigkeit zu bestimmten Zünften und Ständen.

Kleid mit Plastron / Stomacher

Im 15. Jahrhundert modern waren die sowohl vom optischen Eindruck wie von der Schnittführung überaus interessanten Frauen-Kleider mit Plastron / Stomacher (Bruststück).

Das eng anliegende Oberteil war bestimmt durch einen weiten V-förmigen Ausschnitt bis zur Taille. Der Ausschnitt war bedeckt mit einem innenliegenden, festen Einsatz – dem Bruststück. Der weite, halbkreisförmig glockige Rock war an diesem Oberteil an der Taille angesetzt.

Doublet

Doublet

Das Doublet für Männer war in der zweiten Häfte des 15. Jahrhunderts verbreitete Oberbekleidung. An das enge, geknöpfte Oberteil bis zur Taille war ein kurzer Rock bis zur Hüfte angesetzt.

Mit dem Doublet festigt sich die noch heute bestehende überwiegende  Kleiderordnung für Männer: Hose und Hemd, darüber Jacke = Doublet, darüber ggf. weitere wärmende Überbekleidung.

Hemd

Mit zunehmender Verbreitung der einteiligen Beinbekleidung (Hose) bei Männern Ende des 14. Jahrhunderts wurde als Unterbekleidung das kurze, vielleicht hüftlange Hemd benötigt.

Während bei Frauen weiter das lange, auf der Tunika oder Cotte basierende Unterkleid (oft bis heute) überwog, war der Mann mit Hose und (kurzem) Hemd zuerst einmal bekleidet, ergänzt durch Jacken (z.B. Doublet) und Mäntel (z.B. Surcoat).

Surcoat

Der Surcoat – was eigentlich nur „Übermantel“ bedeutet – war ein Sammelbegriff für viele Formen der Überbekleidung des Mittelalters, sowohl für Frauen wie für Männer.

Hier erwähnt werden soll besonders der häufig erwähnte, gut knielange Surcoat für Männer des ausgehenden 15. Jahrhunderts, warm gefüttert und mit den modischen, überlangen Ärmeln mit Schlitz für den Durchgriff.

Kirtle

Kirtle

Im Laufe der Jahrhunderte des Mittelalters wurden die Schnittführungen immer komplexer, den Kleidungsstücken wurde die Möglichkeit gegeben sich homogen den Körperformen anzupassen – Schnitte des späten Mittelalters lassen sich vielfach nicht von den Grundschnitten der heutigen Mode unterscheiden.

Ein Beispiel ist der Kirtle des späten 15. Jahrhunderts, ein anliegendes, elegantes Kleid mit – so heute genannter – Prinzessteilung.

Die zusätzliche Teilung des Schnittes von der Schultermitte über die Brust, Taille, Hüfte und (langem) Saum ermöglicht die gewünscht anliegende Passform am Oberkörper und einen weit ausladenden Rock aus einem Guss.

Umhang

Das universelle oberste, wärmende Kleidungsstück von der Antike über das gesamte Mittelalter und darüber hinaus war der halbkreisförmige Umhang.

Der Radius über die Moden der Zeit und den aktuellen Verwendungszweck von schulterlang bis bodenlang plus Schleppe variierend, mit einem kleinen runden Halsausschnitt versehen und vorn oder über der rechten Schulter verschlossen (mit einer Fibel, einer Nadel oder gebunden), war dieser Umhang jederzeit unverzichtbar.

Beinkleider

Anders als bei den weiter oben beschriebenen Kleidungsstücken waren die Beinkleider im Mittelalter reine Männersache. Unterwäsche aus hygienischen Gründen wurde wohl nicht getragen (obwohl dies aufgrund mangelnder Quellen/Funde nicht sicher belegt ist). Die „Unterhose“ Bruche diente eher Wärmung und Schutz bei den modisch eher kürzeren Überkleidern oder der Befestigung der Beinlinge.

Jede(r) mag über das Ausmaß gewünschter Authentizität selbst entscheiden…

Bruche

Bruche

Die Bruche (auch Brouche, Braies) war als erste Form der Beinbekleidung seit Beginn des Mittelalters zu finden und in dieser Form über den gesamten Zeitraum hinweg anzutreffen.

Dieses sehr einfache und schmucklose Kleidungsstück wurde praktisch immer aus Leinen hergestellt.

Die Länge der Bruche variierte je nach Verwendungszweck; durchaus konnte dieses Kleidungsstück auch unter der Oberbekleidung sichtbar sein oder sogar – z.B. bei der Feldarbeit – allein getragen werden.

Zur Befestigung der Bruche an der Taille diente entweder ein Tunnelbund, oder der (höhere) Taillenbund wurde um einen Gürtel herumgewickelt.

Mit Aufkommen der einzelnen Beinlinge wurde die Bruche verwendet, um die Beinlinge oben zu befestigen.

Beinlinge

Ende des 12. Jahrhunderts kamen erstmals Beinkleider auf, die – auf Sichtbarkeit unter kürzerer Oberbekleidung ausgelegt –  der Beinform folgten und teilweise sehr repräsentativ gearbeitet wurden.

Beide Beine waren getrennt etwa schenkelhoch, die Beinlinge wurden mit Bändern am Gürtel der Bruche befestigt, damit sie nicht rutschten. Teilweise waren Füße gleich mit angeschnitten, als „Strümpfe“ unter Schuhen oder auch als Schuhersatz.

Der Originalbegriff für die Beinlinge ist das mittelhochdeutsche Wort „Hose“, das auch im englischen („Separate Hose“) noch hierfür verwendet, im deutschen aber aus Verwechslungsgründen zur modernen Hose vermieden wird.

Verbundende Beinlinge

Verbundene Beinlinge

Im Laufe der Zeit veränderte – speziell verlängerte – sich der Schnitt der Beinlinge, bis Ende des 14. Jahrhunderts die bisher einzelnen Beine schließlich in der Mitte zusammengenäht wurden („Jointed Hose“) und den Rumpf bis zu einer gewissen Höhe umschlossen.

Gehalten wurden die verbundenden Beinlinge entweder durch Bänder angenestelt an einer Oberbekleidung (z.B. dem Doublet), oder das Kleidungsstück wurde hoch genug geschnitten für einen eigenen Tunnelbund / Gürtel.

Fortsetzung folgt….

Schneidern im Mittelalter (4/13)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 4 – Kleidungsformen

Die Formen der Bekleidung änderten sich über den Verlauf des Mittelalters mehrfach und vieles Modische wie Technische entwickelte sich im Laufe dieses Zeitalters entscheidend weiter.

Tunika, um 750

Das frühe Mittelalter war noch sehr an der einfachsten Schnittführung des griechisch / römischen Erbes orientiert. Orientierung an der verfügbaren Stoffbahn, möglichst optimale Materialnutzung. Geometrische, meist gerade Formen ohne Körperbetonung und ohne Passformoptimierung. Die Kleidung wurde mit Spangen und Gürteln am Körper gehalten. Ein typischer Vertreter dieser Zeit ist die Tunika – aus dem Altertum übernommen, im Frühmittelalter als Hauptkleidungsstück für Frauen wie Männer verbreitet, besonders als Unterkleid während des gesamten Mittelalters anzutreffen, und bis heute – meist jedoch schnitttechnisch verfeinert – in jedem Modekatalog vertreten.

Im Laufe des Mittelalters wurden die Kleidungsstücke raffinierter, technisch aufwändiger, vielteiliger. Die Kleidung folgte vermehrt den Körperformen; ermöglicht durch Knöpfe und Schnürungen und durch schnitttechnische Fortschritte wie den geformten Ärmelausschnitt, Rumpfteilungen oder anliegenden Hosenschnitten. „Mode“ konnte in den Kleidungsformen entstehen und ausgedrückt werden. Beobachter besonders aus dem klerikalen Umfeld erkannten schnell die Gefahren des fortschreitenden Sittenverfalls – aus seitlichen Kleider-Öffnungen wurden „Höllenfenster“.

Sideless Gown, um 1300


Zunehmend entwickelten sich durch die neuen Möglichkeiten auch Erscheinungen, die damals von zeitgenössischen Kritikern wie auch rückblickend heute von als „modische Entgleisung“ bezeichnet werden dürfen: Krasse Farbzusammenstellungen, Zipfel überall,  Mützen mit Ohren oder endlosen Schwänzchen, Ärmel in Länge oder Weite zum drüber stolpern, Knöpfe je mehr desto besser… – Wer es sich leisten konnte, vergaß den (damals – knapp vor Bauhaus – noch nicht urkundlich erwähnten) Spruch „Form folgt Funktion“. Obwohl – einige dieser auf den ersten Blick sehr eigenartig wirkenden Kreationen hatten sehr wohl ihren Sinn: Militärisch das Zeichen der Zusammengehörigkeit als erste Form der Uniformierung in Schlachten, gesellschaftlich – wie heute in der Mode doch auch – ebenfalls als Zeichen der Gruppen-Zusammengehörigkeit – der zeitgenössischen Yuppies.

Gegen Ende des Mittelalters hatten viele Kleidungsstücke bereits die grundlegenden Formen und Eigenschaften, wie wir Sie fast unverändert auch in der heutigen Mode vorfinden.

Überhaupt lassen sich viele authentische Modelle mit den aktuellen Möglichkeiten in Material und Technik für heute wortwörtlich absolut tragbar gestalten. Kürzen Sie nur etwas den Saum…

Harsthornbläser, 1476


Aber wieder zurück zu den historischen Kleidungsformen.

Die kurzfristigeren Veränderungen und speziell auch modischen Eskapaden waren in dieser kommunikationsärmeren und weniger schnelllebigen Zeit einer wohlhabenden Minderheit vorbehalten. Der Großteil der Bevölkerung verblieb bei einfachen, materialsparenden Stücken, die nach Möglichkeit noch über die Generationen weitergegeben wurden.

Wir kennen heute sicher nicht einen Bruchteil der genau genutzten Kleidungsformen, die aus den Ideen langer Wintertage damaliger SelberschneiderInnen entstanden. Gerade aus dem früheren Mittelalter sind die Abbildungen „normaler“ Menschen wie auch die archäologischen Fundstücke rar.

Lassen Sie sich also ermutigen, im Rahmen des damals technisch Machbaren Ihr individuelles Kleidungsstück zu erschaffen – nicht unwahrscheinlich Jemand vor 700 Jahren hat es auch bereits so getragen…

Nicht eingegangen werden kann hier im Rahmen der verfügbaren Zeilen und im Sinne des Schwerpunkts Selberschneidern auf die detaillierte Darstellung der wirklich zahlreichen einzelnen historischen Ausprägungen der Kleidungsstücke über den Zeitstrahl der 1000 Jahre des Mittelalters. Hier gibt es aber viele wirklich hervorragende, oft reich bebilderte Werke zur Anregung und zum Lernen. [lasst mich an das Literaturverzeichnis denken…]


Fortsetzung folgt…

Schneidern im Mittelalter (3/13)

17. März 2013 1 Kommentar

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 3 – Schneidern von Mittelalter-Kleidung

Wie viel leichter haben wir es doch heute. Den täglichen Bedarf an verhüllender und wärmender Kleidung können wir einfach, schnell und vergleichsweise kostengünstig durch eine kurze Fahrt in die nächste Innenstadt oder das Outlet-Center vor der Stadt decken.

Selberschneidern ist heute dennoch wieder angesagt. Aus kreativen Gründen, der Liebe zum Besonderen, auch für Nischen ohne wirtschaftliches Interesse für die Bekleidungsindustrie wie seltenere Hobbies oder für Menschen abseits der Standardmaße.

Mittelalter-Kleidung für Ihr Hobby selber zu schneidern ist auch für Sie bewältigbar: einfache Formen, einfache Nähte, speziell in der ersten Hälfte des Mittelalters aber auch darüber hinaus anhaltend für die Kleidung der täglichen Arbeit kaum passformkritisch.

Wie bereits im letzten Kapitel erwähnt ist die Urform der Kleidungsherstellung das Selberschneidern im Umfeld der häuslichen Gemeinschaft – typischerweise durch die Frauen. Dies sollte allen heutigen SelberschneiderInnen Mut machen, mit etwas Bemühen ebenso authentische, einfachere Gewandungen herstellen zu können wie unsere nur auf eigene Übung und lokale Wissensweitergabe angewiesenen Vorfahren.

Sie selbst müssen dann entscheiden, wie viel Authentizität Sie sich zur Erstellung Ihres Kleidungsstücks zumuten wollen. „A“-sein, wie die Szene es fordert, wird heute objektiv begrenzt durch die Verfügbarkeit einiger Grundmaterialien; daneben spielen persönliche Faktoren eine Rolle wie die eigene Zeit (z.B. für das Nähen per Hand), Wohlbefinden (z.B. Verzicht auf Unterwäsche?) oder geänderte Wertvorstellungen (z.B. zur Verarbeitung von Pelzen).

Zur Authentizität aus Sicht des Autors sei noch etwas angemerkt: Zusammengefasst – nicht einfach. Die Grenze des Vertretbaren sollten Sie selbstbewusst ziehen nach persönlichem Ermessen zwischen der Replik des 100%ig wissenschaftlich belegten vorsichhinrottenden Gewebefetzens der Moorleiche von nebenan und dem Spaß der kleinen Tochter am „Prinzessinnen-Kleid“ aus rotem Baumwollsamt. Beides hat, meine ich, absolut seine Berechtigung.

Bei der Auswahl der Materialien und der Verarbeitung lassen sich aber ganz einfach einige grundlegende Dinge beachten, auf die in den nächsten Kapiteln noch eingegangen wird. Mit den Tipps, den Vorlagen und Ihrer kreativen Umsetzung können Sie sich ganz sicher sehen lassen auf dem nächsten Mittelalter-Markt.


Fortsetzung folgt…

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