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Schneidern im Mittelalter (10/13): Nähprojekt BRUCHE

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 10 – Nähprojekte: BRUCHE

Die Bruche (auch Brouche, Braies) war eine der ersten Formen der Beinbekleidung, belegt nur für Männer, seit Beginn des Mittelalters und in dieser Form über viele Jahrhunderte hinweg anzutreffen.

Dieses sehr einfache und schmucklose Kleidungsstück wurde überwiegend aus Leinen hergestellt, sicher wurde auch Nessel und Wolle verwendet – auf Hautfreundlichkeit dieses Stückes sollte aber geachtet werden.  Repräsentativere Materialien wurden wohl eher nicht eingesetzt – die Eleganz dieses Kleidungsstücks ist durch die schnittformbedingte Passform am Rumpf / im Schritt sehr begrenzt.

Die Länge der Bruche variierte je nach Verwendungszweck. In kurzer Form wurde die Bruche als Unterbekleidung, beispielsweise unter der Cotte, genutzt. Durchaus konnte dieses Kleidungsstück aber auch unter der Oberbekleidung sichtbar sein oder sogar, z.B. bei der Feldarbeit, allein getragen werden.

Zur Befestigung der Bruche an der Taille diente entweder ein Tunnelbund, oder ein höherer Taillenbund wurde um einen Gürtel herumgewickelt.

Mit Aufkommen der einzelnen Beinlinge wurde oft eine kurze Bruche als Unterbekleidung verwendet, um die Beinlinge oben zu befestigen.

Gemeinhin sind vor allem zwei sehr unterschiedliche Schnittformen der Bruche belegt, die wir uns bei der Wichtigkeit dieses Kleidungsstücks für die damalige Männerwelt auch kurz beschreiben wollen:

Typ 1: Einteiliges, einfachstes, sehr materialsparend im Stoffbruch zugeschnittenes rechteckiges Haupt-Schnittteil, das sowohl beide Beine wie auch den Rumpf umfasst. Recht gut sitzend bis etwa Knielänge. Der Bund kann angeschnitten und einzeln angesetzt sein. Diesen Typ bildet unser Nähprojekt ab.

Typ 2: Zweiteiliges Schnittteil mit Verbindung im Schritt, gelegentlich mit zusätzlichen Einsätzen. Dies entspricht eher bereits der heutigen Schnittführung einer Hose, allerdings noch ohne passformoptimierende Bogenlinien.

Nähprojekt Bruche

Im 13./14. Jahrhundert war die Bruche eine verbreitete Form des Beinkleides vor allem im einfacheren Volk – das erste Nähprojekt hier speziell für den Herrn.

Von Männern wurde diese Schnittform sowohl als Unterbekleidung unter anderem, längeren Obergewand getragen wie auch als sichtbares Kleidungsstück beispielsweise unter einer kürzeren Cotte wie bei unserem Musterstück aus Leinen.

Diese Varianten sind auf dem kostenlosen Schnittmuster für dieses Kapitel (Details unten) eingezeichnet:

  • Beinlänge: Kurz, Knie, Dreiviertel, Lang
  • Weite: Schmaler, Normal, Weit

Das Schnittmuster im Download beinhaltet eine bebilderte Schritt-für-Schritt Nähanleitung.

Das Schnittmuster zum Nähprojekt: Das Schnittmuster steht für die Maßschnittmuster-Software PASST! (kostenloser Download auf der Seite www.passt-online.de) und in vielen Standardgrößen zur Verfügung. In den gut 4 Wochen nach der Erstveröffentlichung dieses Blogartikels steht das Schnittmuster durch Eingabe des Gutschein-Codes auf der Bestellseite (dann EINLÖSEN klicken!) kostenlos zum Download bereit; nach dieser Frist gilt der normale Listenpreis.
Mittelalterliches Beinkleid BRUCHE
Eine im 13./14. Jahrhundert und im Alltag darüber hinaus verbreitete Form des Beinkleides war die Bruche. Von Männern wurde dieses Kleidungsstück…
Gutschein-Code: sim10br (gültig vom 12.10.-15.11.2013)
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Schneidern im Mittelalter (9/13): Nähprojekt GEBENDE

10. September 2013 Hinterlasse einen Kommentar

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 9 – Nähprojekte: GEBENDE

Eine typische und häufig bildlich dargestellte Kopfbedeckung der Frau des ausgehenden 13. Jahrhunderts und beginnenden 14. Jahrhunderts war das Gebende (von „Band, Bänder“). In der Öffentlichkeit galt es als zunehmend unüblich da unsittlich, als erwachsene = verheiratete Frau das Haar unbedeckt zu lassen.

Dieser mehrteilige Kopfschmuck bestand aus einem fest anliegenden, umlaufenden Kinnriemen (Barbette), der in Scheitelhöhe zusammengesteckt wurde. Rechtwinklig hierzu wurde ein Stirnreifen (Fillet) befestigt, der um Borten ergänzt oder geschmückt sein konnte.

Ergänzt wurde diese Kopfbedeckung häufig durch ein Haarnetz (Crispinette) oder einen oft schulterlangen Schleier.

Statt dem einzelnen Kinnriemen kann auch ein Stoffband mehrfach über Kinn und Ohren um den Kopf gewickelt werden.

Meist war dieser Kopfschmuck aus Leinen, in vielen Abbildungen in Weiß hergestellt, sicher sind aber auch viele andere Materialien – beispielsweise passende Reststücke der Oberbekleidung – zum Einsatz gekommen.

Getragen wurde das Gebende beispielsweise zu einer Cotte als Untergewand (unser Nähprojekt vor 2 Kapiteln) und einem Seitlich offenen Kleid (letztes Nähprojekt). In dieser Kombination entsteht eine komplette Garderobe für die Dame des beginnenden 14. Jahrhunderts.

Das Nähprojekt

Das kostenlose Schnittmuster für dieses Nähprojekt (Details siehe unten in diesem Artikel) enthält folgende Varianten:

  • Kinnriemen: Gerade, Geformt
  • Kronenband: Schmal, Normal, Breit
  • Schleier (optional)
  • Haarnetz (optional): Die genaue Form / Größe des Haarnetzes sollte individuelle je nach konkret unterzubringender Haarpracht ermittelt werden.

Passend zum roten Kleid und goldbeigen Unterkleid (Cotte) wurde der Kopfschmuck für das Musterstück mal nicht in Weiß, sondern in der Kombination passend aus dem seidenen Obermaterial des Kleides hergestellt, ergänzt durch ein Haarnetz aus dem Goldfaden-durchwirkten Seidenmaterial, das auch bereits den Ärmel des Unterkleides ziert. Die Breite der Krone ist mittel, der Kinnriemen gerade.

Das Schnittmuster im Download beinhaltet die bebilderte Schritt-für-Schritt Nähanleitung.

Das Schnittmuster zum Nähprojekt: Das Schnittmuster steht für die Maßschnittmuster-Software PASST! (kostenloser Download auf der Seite www.passt-online.de) und in vielen Standardgrößen zur Verfügung. In den gut 4 Wochen nach der Erstveröffentlichung dieses Blogartikels steht das Schnittmuster durch Eingabe des Gutschein-Codes (dann EINLÖSEN klicken!) kostenlos zum Download bereit; danach gilt der normale Listenpreis.
Mittelalterlicher Kopfschmuck GEBENDE
Mittelalterlicher Kopfschmuck (ca. 1200 – 1350). Barbette (Kinnriemen), Fillet (Kronenband), Crispinette (Haarnetz), Schleier.
Gutschein-Code: sim09gb (gültig vom 10.09.-13.10.2013)
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Schneidern im Mittelalter (8/13): Nähprojekt SEITLICH OFFENES KLEID

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 8 – Nähprojekte: SEITLICH OFFENES KLEID

Die Kleiderform  des seitlich offenen, teilweise in der Öffnung geschnürten, ärmellosen Überkleides war „modern“ und verbreitet im gesamten 14. Jahrhundert, bei der damals üblichen langen Lebensdauer der wertvollen Stücke sicher auch noch weit darüber hinaus angetroffen.

Die Gewänder wurden im Laufe des Mittelalters körpernäher, weibliche Formen durften und sollten erkennbar sein, die möglichen Kombinationen mit Unterkleidern zeigten wachsendes modisches Bewusstsein.

Über der Cotte getragen, wurde die seitliche Öffnung – zu Beginn der Entwicklung vielleicht bis zur Taille und geschnürt, immer tiefer und breiter – was damals zu zunehmender moralischer Entrüstung über diese „Höllenfenster“ führte und heute zu einem hohen Wiedererkennungswert dieses Kleidungsstücks.

Neben dem fast universell mittelalterlich angemessenen Material Leinen bieten sich für dieses elegante Überkleid wertvollere und außergewöhnlichere Materialien als „Hingucker“ an:  Schöne kräftig gefärbte rote oder blaue Wolltuche oder auch Seide dürfen es sein, sofern der Status und das Einkommen der dargestellten historischen  Figur dies zulässt.

Das Kleid kann gefüttert werden. Gern wurden kontrastfarbige Futterstoffe verwendet – auch wenn dies bei diesem Modell den meisten Mitmenschen weitgehend verborgen blieb.

Zur Verzierung können handgewebte Borten oder auch kontrastfarbige Kanteneinfassungen dienen. Auch die Verbrämung der Kanten mit Pelz war häufig anzutreffen.

Im Schnittmuster sind verschiedene Ausführungsvarianten eingezeichnet: Länge, Halsausschnitt und Weite des seitlichen Öffnung können gewählt werden.

Das Musterstück zeigt das Kleid aus Seide bodenlang weit mit Schleppe, einer eher schmalen, geschnürten seitlichen Öffnung und einem Rundausschnitt, der die Cotte als Unterkleid erscheinen lässt. Hals- und Armausschnitt sind gleichfarbig eingefasst – auch für Schlaufen für die Schnürung.

Für den praktischen Einsatz am Mittelalter-Markt mag eine Schleppe eher unpraktisch sein – die Umsetzung ist aber bei einer boden- oder knöchellangen weniger weiten Ausführung identisch.

Eine Schritt-für-Schritt Nähanleitung ist Teil des Schnittmuster-Downloads.

Das Schnittmuster zum Nähprojekt: Das Schnittmuster steht für die Maßschnittmuster-Software PASST! (kostenloser Download auf der Seite www.passt-online.de) und in vielen Standardgrößen zur Verfügung. In den ersten gut 4 Wochen nach der Erstveröffentlichung dieses Blogartikels steht das Schnittmuster durch Eingabe des Gutschein-Codes (dann EINLÖSEN klicken!) kostenlos zum Download bereit; danach gilt der normale Listenpreis.
Mittelalterliches Seitlich offenes Kleid
Mittelalterliches Kleid in verschiedenen Varianten (ca. 1280 – 1400).
Gutschein-Code: sim08sg (gültig vom 16.08.-20.09.2013)
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Schneidern im Mittelalter (7/13): Nähprojekt COTTE

25. Juli 2013 2 Kommentare

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 7 – Nähprojekte: Einleitung und COTTE

Projekte Mittelalter-Kleidung

In den folgenden Kapiteln werden Sie alles Erforderliche erfahren, um einige authentische, verbreitete, nicht zu komplizierte Kleidungsstücke „normaler Menschen“ aus dem Mittelalter selbst herzustellen.

Die 5-teilige Kollektion mit Vorbildern aus dem 13./14. Jahrhundert eignet sich als Grundausstattung für Sie, Ihn und Es.

Die Dame ist mit dem langen Unterkleid (Cotte), dem zeittypischen, seitlich offenen Kleid und dem Gebende  (Barbette/Fillet/Haarnetz oder Schleier) korrekt bekleidet.

Der Mann trägt die kürzere Cotte über dem Beinkleid  (Bruche), den Kopf schützt die Kapuzenmütze, die ganz unterschiedlich getragen werden kann.

Kinder können sich in  Varianten der Cotte, der Bruche und des Kleids wohl fühlen.

Zu den einzelnen Kleidungsstücken folgen kurze Beschreibungen; Näheres zu Material, Zuschnitt und Verarbeitung steht im jeweiligen Schnittmuster. Und das Beste: Damit es für keine(n) SelberschneiderderIn an den Kosten scheitert, stehen die Schnittmuster jeweils für 4 Wochen ab Erstveröffentlichung des jeweiligen Blogartikels zum kostenlosen Download bereit (mehr am Ende des jeweiligen Nähprojekts).

Nähprojekt COTTE

Mittelalterliche Cotte MedievalDie Cotte war ein einfaches, für viele Anlässe und in vielen Kombinationen tragbares Kleidungsstück für Frauen, Männer und Kinder; verbreitet im 12. bis 15. Jahrhundert. Es wurde typischerweise direkt auf der Haut getragen, ohne Verzierungen oder spezielle modische Finessen, entweder als Untergewand unter Kleidern oder Mänteln oder auch als alleinige Oberbekleidung – speziell zu Haus oder bei der Feldarbeit. Als Oberbekleidung konnte die Cotte auch gegürtet getragen werden.

Die Cotte war langärmelig, mit einem Saum,  aber oft auch mit einem Umschlag abgeschlossen. Zur Arbeit oder als einfaches Untergewand war die Cotte mit einem geraden, weiten Ärmel versehen. Als repräsentatives Untergewand konnte der Ärmel aber auch vom Ellenbogen aus eng  anliegen, mit zahlreichen Knöpfen geschlossen.

Die Weite der Cotte und die Schnittführung variierte je nach Einsatz und in der zeitlichen Entwicklung. Erste Schnitte zeigten noch das Erbe der Tunika: das gerade, an der Webbreite der Stoffbahn orientierte Rumpfstück, bei gewünschter Weite mit seitlichen und/oder zentralen Einsätzen bis in Hüfthöhe ergänzt. In späteren Zeiten waren auch körpernahe Linienführungen mit angeschnittener Weite möglich. Zu Bewegungsfreiheit (z.B. beim Reiten) konnte die Cotte vorn und hinten bis in Hüfthöhe geschlitzt sein.

Die Frau trug die Cotte oft als Unterkleid knöchel- oder bodenlang. Material und Farbe können hier wahlweise Kontrast oder Einheit schaffen zum gewählten Oberkleid.

Beim Mann endete der Saum der Cotte eher um das Knie herum, getragen über dem Beinkleid.

Als Material bot sich vor allem Leinen an. Ob grob gewebt naturfarben oder fein, weicher fallend und (pflanzenfarbig) bunt, bleibt der gewünschten Nutzung überlassen. Historisch war die Cotte auch häufig aus Nessel hergestellt, als wertvolles Unterkleid auch aus Seide. Im Vordergrund stand sicher auch angenehmes Tragen auf der Haut, weshalb Wolle vielleicht eher nicht das Material der Wahl für dieses Kleidungsstück war.

Das Schnittmuster zum Nähprojekt: Das Schnittmuster steht für die Maßschnittmuster-Software PASST! (kostenloser Download auf der Seite www.passt-online.de) und in vielen Standardgrößen zur Verfügung.In den ersten 4 Wochen nach der Erstveröffentlichung dieses Blogartikels steht das Schnittmuster durch Eingabe des Gutschein-Codes (dann EINLÖSEN klicken!) kostenlos zum Download bereit; danach gilt der normale Listenpreis.
Mittelalterliche Cotte
Mittelalterliches Gewand Cotte für Frauen, Männer und Kinder in verschiedenen Varianten (ca. 1150 – 1450).
Gutschein-Code: sim07co (gültig vom 25.07.-30.08.2013)
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Schneidern im Mittelalter (6/13 Teil 2)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 6 Teil 2 – Nähtechniken, Zubehör und Handwerkszeug (2)

Knopf

Auch der Knopf war bereits vor dem Mittelalter bekannt, sowohl aus Naturmaterial (Holz, Horn, Knochen) wie auch gegossen aus Metall. Er wurde als Verschluss immer in geringer Anzahl verwendet – meist als Knebel in Verbindung mit Schlaufen.

Nennenswerte Verbreitung erlangte der Knopf mit Knopfloch als Bekleidungsverschluss erst im Hochmittelalter. Der Knopf ermöglichte dem Körper folgende anliegende Formen, und wie oft bei Neuentdeckungen wurde der Knopf einige Zeit als modischer Selbstzweck zahlreichst verwendet.

Neben Knöpfen aus den oben genannten Materialien fand man dann auch häufig stoffbezogene Kugel-Knöpfe.

Schnürung

Eine sehr verbreitete Form des Verschlusses im Mittelalter war die Schnürung.

Speziell mit aufkommender körpernaher Frauenkleidung war die Schnürung als Verschluss ideal:  durch den dichten, starken Zug der hin- und herlaufenden Schnüre konnte ein Kleid sehr wirkungsvoll der Form der Trägerin angepasst werden.

Die Verschlussschnur kann durch in das Obermaterial eingearbeitete Nestellöcher gezogen oder von aufgenähten Schlaufen oder Haken gehalten werden.

Nadeln und Fingerhüte

Für die Herstellung von Nähten waren Nadeln erforderlich.

Historische Funde belegen Nähnadeln aus verschiedenen Materialien: Oft aus Knochen oder Bronze, aber auch aus Holz oder Horn.

Zum Schutz der Finger beim Nähen gab es bereits früh Nähringe und Fingerhüte.

Scheren

Für den Zuschnitt der Stoffe und des Nähmaterials sind Scheren erforderlich.

Die ursprünglich verbreitete Scherenform war die Bügelschere seit dem Altertum über den gesamten Zeitraum des Mittelalters und darüber hinaus.

Neben der Schere in „Haushaltsgröße“ zum Zuschnitt von Material jeder Art sind auch viele besondere Exemplare erhalten, wie beispielsweise die riesige Samtschere zum Schneiden der Schlaufen, zu sehen im Hamburgmuseum.

Im späteren Mittelalter entwickelte sich die heute bekannte Scharnierschere.

Elle und Messschnüre

Für den Handel und die gewerbliche Verarbeitung von Stoffen zur Kleidungsherstellung ist natürlich  die Mengenbestimmung von großer Bedeutung.

Zur Längenermittlung diente seit alther der Unterarm als Maßstab – die Elle. Sehr früh bereits bildete man diese Länge zur Reproduzierbarkeit auch in Holz oder Metall ab, teilweise mit Untereinheiten.

Für eine praktischere Handhabung vor allem auch im Schneiderhandwerk zur Personenvermessung wurden Messschnüre mit Knoten als Einteilung verwendet.

Allerdings kam es bis zur Neuzeit zu keiner überregional einheitlichen Normierung der Elle über das natürliche Vorbild (halt so ungefähr 50 cm) hinaus, was eine Vergleichbarkeit in Kommunikation und Handel sehr erschwerte.

Fortsetzung folgt…

Schneidern im Mittelalter (6/13 Teil 1)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 6 Teil 1 – Nähtechniken, Zubehör und Handwerkszeug (1)

Nähte

Im Mittelalter gab es natürlich keine Nähmaschine – alle Nähte wurden mit der Hand ausgeführt.

Wer auf eine möglichst authentische Herstellung seiner mittelalterlichen Kleidung Wert legt, kann sich hier über die wichtigsten Handnähte informieren.

Teile zusammennähen

Überwendlich-Stich

Zwei einzelne Stoffteile wurden entweder überlappend zusammengenäht oder rechts auf rechts von der Innenseite genäht, wie es heute zumeist der Fall ist.

Beim überlappenden Zusammennähen werden alle beiden überlappenden Kanten mit dem Überwendlichstich sowohl befestigt wie auch vor Ausfransen gesichert.

Geradstich

Sehr stabil und optisch ansprechend lassen sich Stoffteile rechts auf rechts zusammennähen. Von links wird hierbei entlang der Nahtlinie ein Geradstich gesetzt, der die Stoffteile bei entsprechend kurzer Stichlänge zuverlässig zusammenhält und von außen ein sehr sauberes, gerades Nahtbild erzeugt.

Weitere Stabilität erzielt und gleichzeitig die Stoffränder gegen Ausfransen gesichert werden kann die Naht durch das Umlegen der Nahtzugabe nach einer Seite und Festnähen mit Überwendlichstich.

Sattlerstich

Besonders stabil hält der Sattlerstich das Material zusammen – häufig anzutreffen bei der Verarbeitung von Leder z.B. bei Schuhen. Hierbei werden zwei Nadeln  verwendet.

Säume

Säume schließen offene Stoffteile ab; wie Hals- und Armausschnitte, Ärmel und Röcke / Hosenbeine. Säume verhindern vor allem das Ausfransen des Materials, erzeugen aber auch einen optisch ansprechenden, definierten Abschluss und beeinflussen durch ihre Schwere den Fall des Kleidungsstücks.

Saum überwendlich

Typisch und verbreitet waren im Mittelalter und sind auch noch heute der Umschlagsaum. Der Stoff wird einfach oder doppelt nach innen umgeschlagen und durch eine Naht (Geradstich oder Überwendlichstich) gesichert.

Rollsaum

Eine weitere historisch belegte Art der Säumung ist der Rollsaum. Besonders für feine Materialien geeignet, wird die Stoffkante ganz schmal nach innen eingerollt und überwendlich genäht.

Knopf- und Nestellöcher

Knopflöcher und Nestellöcher (für das Durchziehen von Bändern) wurden mit dem noch heute verwendeten Knopflochstich gearbeitet.

Knopflochstich

Dieser Stich stabilisiert gleichzeitig die Fläche um den Einschnitt und sichert gegen aufreißen oder ausfransen.

Verschlüsse

Mit der Entwicklung der Kleidung ergab sich gleichzeitig auch die Herausforderung, die Kleidungsstücke dicht und unverlierbar am Körper zu halten.

Fibel

Die erste verbreitete Form des Kleidungsverschlusses war die Fibel / Spange, bereits in der Antike bekannt und auch noch über das gesamte Mittelalter hinweg, wenn auch abnehmend, genutzt.

Fibeln gab es je nach Verwendungszweck in unterschiedlichsten Formen, Größen und aus verschiedenen Materialien – oft Eisen oder Bronze, aber auch aus Edelmetallen.

Fibeln

Die große Fibel hielt den offenen Rechteck- oder Halbkreis-Mantel über der rechten Schulter (bei Linkshändern über der linken Schulter?), kleinere Fibeln schlossen vor allem Halsausschnitte.


Fortsetzung folgt…

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Schneidern im Mittelalter (5/13 Teil 3)

SCHNEIDERN IM MITTELALTER

Folge 5 Teil 3 – Material (3)

Spinnen und Weben

Die Verarbeitung der pflanzlichen oder tierischen Ausgangsmaterialien zum fertigen Gewebe  entwickelte sich im Laufe des Mittelalters technisch wie organisatorisch entscheidend weiter.

Im frühen Mittelalter war die Tuchherstellung weitgehend Heimarbeit; sowohl für den Eigenbedarf wie teilweise auch als Teil der Abgaben an den Landeigentümer. Die Rohstoffe wurden gewonnen (d.h. gesammelt, angebaut, geschoren, …), vorbereitet, mit einer Handspindel zu einem Faden gesponnen und mit einfachsten Webstühlen gewebt.

Diese Vorgehensweise war auch über das gesamte Mittelalter und darüber hinaus im ländlichen Bereich verbreitet.

Ab dem 13. Jahrhundert waren dann Spinnräder zu finden, und auch die Webstühle entwickelten sich weiter.  Die Produktivität der Stoffherstellung wurde so stark gesteigert, es waren hierfür aber auch Investitionen jenseits der Möglichkeiten eines Einzelhaushalts erforderlich.

Zu diesem technischen Fortschritt entwickelte sich daher eine umfangreiche Gewerbestruktur, bei der jeder Herstellungsschritt von einer speziellen Berufsgruppe übernommen wurde. Regional bildeten sich Zentren mit speziellen Kompetenzen – ausgehend von der führenden Mittelmeer-Region nach Norden.

Farben

Das Einfärben von Geweben im Mittelalter mit den verfügbaren pflanzlichen und tierischen Mitteln   war aufwändig und teilweise sehr kostspielig. Normalerweise wurde das fertige Gewebe komplett gefärbt, für spezielle Anwendungen aber auch der Faden vor dem Weben oder gar das Vlies vor dem Spinnen.

Kräftiges Krapp-, Scharlach-(Schildlaus)- oder gar teures Purpur-(Schnecken-)-Rot, Indigo-(Import-)-Blau oder Safran-Gelb waren beliebt bei allen, die es sich leisten konnten. Speziell das Hochmittelalter war bunt!

Wirklich reines Weiß war kaum zu finden – die Möglichkeit der Bleiche war begrenzt.

Schwarz kam im früheren Mittelalter hauptsächlich im klerikalen Umfeld vor; erst im späten Mittelalter entwickelte sich Schwarz zur Modefarbe.

Schwächere Farben aus lokalen Beeren und Rinden waren auch dem Großteil der Bevölkerung zugänglich; ebenso die Herstellung dunklerer, brauner Farben.

Im ländlichen Bereich waren durch die häusliche Herstellung oft ungefärbte / naturfarbene Gewebe im Einsatz.

Zur Nutzung einzelner Farben als „geschütztes Markenzeichen“ bestimmter Personengruppen gab es unterschiedlichste regionale, wechselnde Reglementierungen.

Dies galt sowohl dem Schutz höhergestellter Stände vor (optischer) Nachahmung, wie auch dem Outing geringgeschätzter Gewerbe und Volksgruppen. So wird beispielsweise oft vor gelben Mittelalter-Kleidern gewarnt, war es doch in einigen Regionen in bestimmten Zeiten Zeichen des Einkommens durch körperliche Zuneigung.

Im militärischen Bereich dienten Farben/Farbkombinationen zunehmend der Identifikation = Uniformierung.

Muster

Muster in Textilien wurden im Mittelalter vorwiegend durch das Verweben unterschiedlicher Garnqualitäten, – farben oder –stärken erzeugt. Die Qualität der Muster hing hierbei entscheidend an der Kontinuität und Feinheit der Fäden. Die Möglichkeiten bei Leinen oder Wolle war hiermit begrenzt.

Für wertvolle Gewänder wurden aber sehr aufwendige Muster gefertigt – gelegentlich unter Verwendung von Silber- oder Goldfäden.

Als günstige Alternative zur Verzierung von Stoffen gab es zwei Möglichkeiten: Sticken von Mustern oder Drucken.

Während das Sticken mit kontrastfarbigen Garnen bereits im Altertum verbreitet war, entwickelte sich der Stoffdruck, meist mit Holzstempeln, erst langsam im Verlauf des Mittelalters.

Borten

Neben der vollflächigen Verzierung der Textilien war während des Mittelalters besonders auch der Besatz der Kleidungskanten mit Borten häufig anzutreffen.

Eine verbreitete Technik war die Herstellung der Borten durch Brettchenweben – hier besonders erwähnt da diese Handarbeit sich gerade aktuell nach langer Vergessenheit wieder stark verbreitet.

Fortsetzung folgt…