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Die Rache der Totholzmedien

Der Morgen am Tag vor der Urlaubsreise. George kopiert noch alles Notwendige aktuell aufs Notebook , um die schnittmustersuchenden SelberschneiderInnen auch von fernen Gefilden aus glücklich machen zu können.

Wie immer läuft nebenbei der Fernseher; Üblicherweise erste Nachrichten, dann Musiksender. Aber diesmal nicht hingeschaut, irgendeine Talkshow, angeregter, eigentlich zu lauter Wortwechsel. Trotz ganz anderer Dinge im Kopf dringt ein Begriff vom Lautsprecher über die Ohren zum scheinbar unterbewusst spontan interessierten Zerebrum: TOTHOLZMEDIEN.

Ein wunderbares Wort.

Beschreibt es doch auf Papier gedruckte Bücher (und anderes Schriftgut) in mehrfacher Hinsicht wortwörtlich wie zwischen den zahlreichen Buchstaben perfekt, hintergründig und interpretationswürdig mehrdeutig. Der Begriff nennt korrekt (oder prangert es gar an? Sehen Sie gerodeten Urwald vor Ihrem inneren Auge?) das Material für die zahlreichen Seiten der vierbändigen Trilogie und anderer Highlights der schriftlichen Formulierungskunst. Und ganz nebenbei assoziiert wird die aktuelle Veränderung in der Buchbranche, der möglicherweise angelaufene Niedergang massenhafter Printmedien zugunsten der elektronischen Verbreitung und Nutzung in Worte gefasster Ergüsse jeder Art.

Nicht zu vergessen der ganz eigene, morbide Charme des Ausdrucks, den wohl besonders Liebhaber langer Spaziergänge auf dem Wiener Zentralfriedhof mit- und nachempfinden können.

Ein Hoch jedenfalls auf den wohl unbekannten ursprünglichen Wort-Schöpfer. Eine kurze Recherche scheint die sporadische Nutzung vor allem in der Blogger-Szene (als propagandistisch formuliertes Feindbild?) ohne klare Quelle zu belegen.

Nur dass ja zwei Herzen schlagen in der Brust von George. Ist er doch trotz aller informationstechnischer Affinität auch ein Sammler – es zieren diverse laufende Meter vor allem mit Fachliteratur aus drei Jahrhunderten die Regale in Sichtweite des Schreibtischs. Und nach jedem Bücherflohmarkt oder dem Besuch einer neuen Stadt mit neuen Antiquariaten droht Zuwachs. So verhält sich sicher niemand, der diese „Totholzmedien“ im Innersten gering achtet.

Aber Schluss jetzt mit träumen – Notebook fertigmachen.

Mutter (80) kommt zum Vorurlaubsbesuch Mittag essen. Noch  angeregt  von den Überlegungen des Vormittags, begeht George den Fehler diesen inzwischen in seine persönlichen Top Ten der phantasieanregensten Wortschöpfungen aufgenommenen Begriff in die Konversation einzuführen: „Weißt – Lehmanns ist praktisch weg, Hugendubel hat geschlossen am Zoo – kaum jemand kauft noch Bücher im Laden. Und die elektronischen Bücher auf den Lesegeräten sind auch praktisch. Heute Morgen habe ich in passendes Wort für traditionelle Bücher gehört: Totholzmedien.“.

„Ein schreckliches Wort!“ sofort Mutter.

Eine Diskussion über das was Bücher ausmacht entsteht, von sehr konträren Standpunkten und Überlegungen geführt. Neigt doch Mutter nicht gerade zu Kompromissen oder gar übertriebener Toleranz gegenüber modernzeitgeistgetriebener Argumentation. So bringt es umso mehr Leben an den Mittagstisch, ein klein bisschen den Anwalt des Teufels zu mimen.

„Weshalb Papier in den Urlaub schleppen, wenn doch mein eBook-Reader zwei komplette Billy´s fasst – incl. Aufsatzregal. Reine Resourcen- und Platzverschwendung dieses Papierzeug!“  provoziert George.

„Ein Buch kann man riechen…“ antwortet Mutter.

„Ja stimmt – noch intensiver nach dem Urlaub am Strand und der nachfolgenden Einlagerung in einer Umzugskiste. „

„Ein Buch kann man umblättern…“

„Aber ist denn nicht der Inhalt das Ziel, die Zeilen des Autors, die unkomplizierte Zugänglichkeit der Informationen und Gedanken?“

„Ein Buch muss man umblättern können – basta!“ schließt Mutter die Diskussion. Genug Teufel, jedes weitere Wort würde die Stimmung für den bereits in der Küche wartenden Kuchen verderben.

Der Besuch ist trotz der in jeder Facette unvereinbaren Position zu Totholzmedien friedlich zu Ende gegangen mit smalltalkfähigeren Themen wie Wetter, Garten, Kinder und dem bevorstehenden Urlaub.

Wieder allein mit dem letzten Glas Rotwein, noch schnell etwas den Schreibtisch aufgeräumt für die morgen früh anstehende Reise.  Der Stapel Bücher, zusammengetragen zur Recherche über die Konstruktion unterschiedlicher Revers-Krägen, wartet auf seine Rückführung ins Regal.

„AUTSCH!!!“. Der Buchstapel gleitet zurück auf die Tischplatte, Blut tropft aufs Laminat. Ein langer Schnitt, messerscharf ausgeführt von der leicht vorstehenden Seite 78  des ringgebundenen Lehrwerks für Schnittmusterkonstruktion des Schweizerischen Modegewerbeverbands, verlangt nach sofortiger Versorgung mit einem Pflaster.

Die Rache der Totholzmedien.

Kategorien:Geschichten, Internes Schlagwörter: , ,
  1. HelBa
    30. März 2015 um 22:36

    Super erzählte Geschichte, hat Spaß gemacht, sie zu lesen!
    Wünsche angenehmen Urlaub.

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